Muss sein Baby ohne ihn aufwachsen? El Kamel G. nach Italien abgeschoben

05. Juni 2015 - 12:44 Uhr

"Wir wollten das Kind zusammen großziehen"

Obwohl er in wenigen Wochen Vater wird, holte die Polizei El Kamel G. nachts aus einem Zwickauer Asylheim. Seine schwangere Freundin ist in großer Sorge, denn während sie in Deutschland das gemeinsame Kind erwartet, wurde der Tunesier nach Italien abgeschoben.

El Kamel G. wird die Geburt seines Sohnes wohl nicht miterleben.
Foto aus besseren Tage: El Kamel G. wird die Geburt seines Sohnes wohl nicht miterleben.

Nur ein paar Fotos aus ihrem gemeinsamen Sommer sind Jessica vom Vater ihres ungeborenen Kindes geblieben. "Wir wollten zusammenziehen, wir wollten heiraten, wir wollten das Kind zusammen großziehen", erzählt die 19-Jährige. "ich war eigentlich gar nicht darauf eingestellt, dass er plötzlich geholt wird, dann weg ist."

Der Tunesier war aus seiner Heimat geflüchtet, lernte Jessica letztes Jahr in Chemnitz kennen und lieben. Dann der Schock: In einer Nacht und Nebel-Aktion wurde er nach Italien in ein Flüchtlingslager abgeschoben. Hier hat der 32-Jährige zum ersten Mal europäischen Boden betreten – nach dem sogenannten 'Dublin-III'-Abkommen ist deshalb auch Italien für sein Asylverfahren zuständig.

Eine Regelung, die höchst umstritten ist. "Aus der Perspektive von Asylsuchenden und Flüchtlingen ist das eine erhebliche Rechtseinschränkung", sagt Grünen-Politikerin Petra Zais. "Die Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt, die Menschen können nicht entscheiden in welchem Land sie einen Asylantrag stellen wollen."

El Kamel agierte mit zwei Identitäten

Rund 5,5 Mio. Menschen waren im ersten Halbjahr 2014 auf der Flucht. So viele wie noch nie. Zur Orientierung: Im selben Halbjahr erreichten nur 77.000 Asylsuchende Deutschland. Die Stadt Chemnitz hatte El Kamel zwar seine Vaterschaft voranerkannt, was die Chancen zum Bleiben in Deutschland steigert - aber es gab noch ein anderes Problem.

"In diesem Fall war es auch durch das Verhalten des Betroffenen schwierig für die Ausländerbehörde zu erkennen, dass hier gegebenenfalls Abschiebehindernisse vorliegen", erklärt Martin Strunden vom Innenministerium Sachsen. "Der Betroffene hat mit zwei verschiedenen Personalidentitäten agiert und dadurch der Ausländerbehörde erschwert, das zu erkennen."

Jessicas Mutter unterstützt ihre Tochter so gut sie kann. Doch der Kontakt zum werdenden Vater ist nur spärlich, das macht es nicht leicht. "Ich hoffe darauf, dass doch irgendein Amt sagt: ja es war ein Fehler, er kann wieder zurückkommen." Anfang August kommt ihr Sohn zur Welt. Und so wie es jetzt aussieht, wird sein Papa die Geburt nicht miterleben können.