Nach der Vergewaltigung in Mülheim an der Ruhr

Muss das Alter der Strafmündigkeit herabgesetzt werden? Das sagte ein Experte

© dpa, Roland Weihrauch, rwe fdt

9. Juli 2019 - 19:43 Uhr

In der Schweiz sind Kinder schon mit zehn Jahren strafmündig

Der Fall Mülheim macht sprachlos. Eine Gruppe zwölf- und vierzehnjähriger Jungen vergewaltigt eine junge Frau. Doch die Polizei kann zumindest bei manchen von ihnen nichts tun – denn in Deutschland ist man erst mit 14 Jahren strafmündig. Sollte man dieses Alter herabsetzen? In der Schweiz ist das zum Beispiel schon so. Dort ist man bereits mit zehn Jahren strafmündig. Doch ein Experte winkt im Gespräch mit RTL ab. Das Problem liegt seiner Meinung nach ganz woanders.

Im Video erklärt Diplom-Pädagoge Thomas Sonnenburg, was er davon hält, die Strafmündigkeit in Deutschland herabzusetzen.

Statt der Justiz greift das Jugendamt ein

Jürgen Möthrath ist Präsident des Verbandes deutscher Strafrechtsanwälte. Er spricht sich gegen eine Herabsetzung der Strafmündigkeit aus. "Es ist ja nicht so, dass man sagt: Wir machen nichts, wenn der Täter jünger als 14 ist", sagt er. Es gebe dann zwar kein Strafverfahren, aber dafür greife das Jugendamt ein. "Da gibt es eine Erziehungsbeistandschaft und im Extremfall die Herausnahme aus der Familie und die Unterbringung im Erziehungsheim."

„Wir haben uns kaputt gespart“

Das Jugendamt versuche dann herauszufinden, was im Leben des Kindes schiefläuft. Sind es die Eltern? Ist es die Schule? "Der Erziehungsgedanke steht im Vordergrund", sagt Möthrath. Das Kind soll also nicht kriminalisiert, sondern möglichst noch von der schiefen Bahn abgebracht werden. "Die Gleichung 'Mehr Strafe schafft weniger Kriminalität', die geht nicht auf", meint er. Er glaubt daher nicht, dass die Strafmündigkeit in Deutschland herabgesetzt werden sollte.

Möthrath findet die Gesetze seien ausreichend hart. Das Problem liegt für ihn eher in der Ausstattung: "Wir haben uns in vielen Bereichen unter der Ägide der schwarzen Null kaputtgespart", sagt er. "Die Justiz ist mittlerweile chronisch unterbesetzt. Die Verfahren dauern sehr lange." Es müsse möglich sein, ein Verfahren mit Jugendlichen in einem halben Jahr abzuschließen - heute dauere dies aber mitunter drei oder vier Jahre. "Der alte Grundsatz 'Die Strafe muss auf dem Fuße folgen' wird schon lange nicht mehr gewahrt."