Muhammad Ali - Für immer 'der Größte'

Muhammad Ali starb im Alter von 74 Jahren
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04. Juni 2016 - 21:58 Uhr

Ein Nachruf von Martin Armbruster

"Ich war nie der Größte." Mit dieser Aussage verblüffte Muhammad Ali einmal in einer britischen Fernsehsendung die Zuschauer, Jahre, nachdem er im Boxring den letzten Gong gehört hatte. "Das war nur Publicity, um die Kämpfe anzuheizen", sagte er mit einem schelmischen Grinsen, "wirklich geglaubt hab ich's nie." Der Rest der Welt kaufte ihm seinen einzigartigen 'Größenwahn' freilich ab und trauert jetzt vereint, da für Ali die finale Glocke geläutet hat. 'The Greatest' ist tot.

Ob Ali tatsächlich der größte Boxer aller Zeiten war - was er in seiner überraschenden TV-'Beichte' verneinte -, nun ja: darüber streiten sich die gelehrten Geister des Faustkampfes seit jeher. Es gab und gibt schlicht zu viele Anwärter auf diesen Ehrentitel, seitdem das Preisboxen Ende des 19. Jahrhunderts mit Einführung der Quensberry-Regeln 'zivilisiert' wurde. War Ali der Beste oder Joe Louis, der 'braune Bomber'? Henry Armstrong oder doch 'Sugar' Ray Robinson?

Geschenkt. Denn die Frage nach der sportlichen Größe ist völlig unerheblich, um den Mythos Muhammad Ali zu ergründen. Nicht sein boxerisches Talent innerhalb des Rings machte Ali zum Größten, es war sein Auftritt außerhalb des Seilgevierts - sein menschliches Gesamtpaket -, das ihn zur Ikone werden ließ.

Für immer 'The Greatest'

Muhammad Ali
Muhammad Ali in einer damals typischen Pose
© dpa, Las Vegas News Bureau

"No Vietcong ever called me Nigger or lynched me" (Kein Vietcong hat mich je Nigger genannt oder gelyncht) - es ist vor allem dieser Satz, der Alis Status als historische Figur im bigotten, heuchlerischen, die Rassen trennenden Amerika des 20. Jahrhunderts zementiert. Nein, er wolle keine 10.000 Meilen weit reisen, um unschuldige Menschen zu töten, "nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenhalter aufrechtzuerhalten." So hatte Ali seinen Entschluss begründet, den Kriegsdienst in Vietnam zu verweigern. Und das, obwohl der damalige Schwergewichts-Champion gar nicht an die Front gemusst hätte, der 'Dienst am Vaterland' war von seinem Management längst arrangiert worden.

Dem Champ war es schlicht zu viel, für ein Land in den Krieg zu ziehen, das ihn selbst nicht als gleichberechtigten Bürger anerkannte, das ihn und seine schwarzen Landsleute vielmehr auf die hinteren Bänke der Busse verbannte. Und während man es den vielen anderen (auch Alis schwarzen Box-Kollegen) nicht als Schwäche auslegen darf, im politisch aufgeheizten Klima der sechziger Jahre dem US-Kriegsapparat den Schwur nicht ebenso verweigert zu haben, so kann man heute getrost festhalten: Muhammad Ali stand auf der richtigen Seite der Geschichte, damals 1967.

Sein rebellischer Satz kam Ali allerdings teuer zu stehen. Die Moralapostel des weißen Amerika fielen - wie schon 1964, als er seinen "Sklavennamen" Cassius Clay ablegte, zum Islam konvertierte und Muhammad Ali wurde - über ihn her: Unpatriotisch sei er, und das als Weltmeister aller Klassen mit Vorbildfunktion. Ein Gericht verknackte Ali zu fünf Jahren Gefängnis, seine Boxlizenz wurde einkassiert, der Weltmeister-Titel aberkannt. Zwar blieb Ali gegen Kaution auf freiem Fuß, da er aber bis 1970 nicht boxen durfte, stand er ohne Geld da. Durch die Sperre gingen Ali nicht nur lukrative Kämpfe und hunderttausende US-Dollars durch die Lappen - man raubte dem damals 25-Jährigen, der im Ring "wie ein Schmetterling" schwebte und "wie eine Biene" zustach, auch sportlich seine besten Jahre. "Nur Gott weiß, wie gut er wirklich war", hat Alis Trainer Angelo Dundee dem deutschen Journalisten Oskar Beck einmal verraten. Und zum Fürchten gut war 'The Greatest' ja schon vor und nach seiner Zwangspause vom Faustkampf.

Mit jedem, aber auch wirklich jedem Schwergewichtler der Sechziger und vor allem der goldenen Siebziger hat es Ali in seiner 21-jährigen Boxerlaufbahn aufgenommen. Unvergessen sein Gewinn der WM-Krone 1964 gegen Sonny Liston, einer finsteren Gestalt, neben der Mike Tyson wie ein Chorknabe aussah. Unvergessen sein 'Kampf des Jahrhunderts' 1971 gegen Joe Frazier (den er verlor) und der atemberaubende 'Thrilla in Manila' 1975. Letzterer gilt bis heute als eine der brutalsten Auseinandersetzungen der Boxgeschichte.

Als 'The Greatest' und 'Smokin' Joe' sich auf den Philippinen fast zu Tode prügelten, war Ali in den USA schon längst nicht mehr der Ausgestoßene. Nachdem Amerika das Kapitel Vietnam "geschlossen" hatte und es wohl auch dem letzten Kriegsbefürworter gedämmert hatte, dass das blutige Debakel in Asien ein historischer Fehler gewesen war, feierte man Ali als Mann mit Prinzipien, als integeren Champion, als wandelnden Mythos - als den Größten.

Dazu verhalf ihm natürlich auch der legendäre 'Rumble in the Jungle' 1974: Im ersten Schwergewichts-Titelkampf auf afrikanischem Boden nutzte der 32-jährige Ali im Kongo die 'schwarze' Bühne und entthronte den als unbesiegbar geltenden George Foreman (der seinen Platz im Pantheon der Boxgrößen selbst schon lange sicher hat). Dem Champion lag die Welt zu Füßen, er war das bekannteste und "schönste" (so der Boxer) Gesicht des Planeten. Wenn Ali in den Ring kletterte, gegen die Foremans, die Fraziers, die Nortons, dann sah die Welt zu. Mehr als 600 Millionen Menschen knipsten den Fernseher ein, um ihr Idol kämpfen zu sehen und litten mit, weil der späte Ali, der in den Siebzigern, nicht mehr der unverwundbare Box-Magier war, der seinen Gegnern - wie noch in den Sechzigern - Knoten in die Beine tänzelte.

Wie vielen Boxern fiel es auch Ali schwer, dem Ruhm 'Goodbye' zu sagen und sich von der großen Bühne zu verabschieden. Auch er machte die berühmten Kämpfe zu viel, kassierte am Ende seiner Karriere, als erste Anzeichen des Parkinson-Syndroms schon erkennbar waren, fürchterliche Prügel.

An seinem Status änderte dies nichts. Der zittrige, leise nuschelnde Ali, der seine Krankheit voller Würde ertrug, blieb eine Welt-Ikone, ein Botschafter des Friedens, ein Kämpfer gegen Rassismus. Es ist noch gar nicht lange her, da kanzelte der 'Größte' einen gewissen Donald Trump - ohne den egozentrischen US-Präsidentschaftsanwärter beim Namen zu nennen - mit 132 Worten für dessen Forderung ab, Muslime nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen zu lassen.

Weil er geboxt hat wie kaum ein zweiter, vor allem aber, weil er sich in 74 aufreibenden Jahren nie hat verbiegen lassen, nie das Handtuch geworfen hat, auch nicht vor den Mächten dieser Welt. Deswegen wird man Muhammad Ali für immer 'The Greatest' nennen - auch wenn er dies selbst gar nicht so sah.