Zwischen Schrecken und Solidarität

Maurice P. (29) raste in Karnevalsumzug: Notarzt konnte eine Nacht nicht schlafen - so erlebte er seinen Einsatz

26. Februar 2020 - 10:35 Uhr

Arzt kam unvorbereitet zum Einsatzort

Verstörte Augenzeugen, Dutzende verletzte Menschen, darunter viele Kinder: Als Notarzt Dr. Tübben am Tatort in Volkmarsen ankommt, bietet sich ihm ein Bild des Schreckens. Wie er den Einsatz erlebt hat und wie sehr ihn die spontane Solidarität der Menschen berührt hat, erzählt er im Video.

"Alle Verletzungen, die man sich vorstellen kann"

Dr. Michael Tübben ist Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus in Korbach und war bei dem Anschlag auf den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen als leiteneder Notarzt im Einsatz. Er kam unvorbereitet zum Tatort. Auf der 20-minütigen Anfahrt sei ihm noch nicht klar gewesen, dass es einen Anschlag gegeben habe. Ihm habe lediglich die Meldung von "mehreren Verletzten" vorgelegen. Die Zahl der Verletzten sei während der Fahrt zum Anschlagsort immer weiter gestiegen. Schließlich habe sich herauskristallisiert, dass bis zu 50 Menschen verletzt worden sind.

Vor Ort habe sich Dr. Tübben zunächst einen Überblick verschafft. Zu diesem Zeitpunkt seien schon erstaunlich viele Rettungskräfte dagewesen - allein vier leitende Notärzte, einer von ihnen habe noch einen Kinderarzt aus dem Krankenhaus mitgebracht, "weil wir gehört haben, dass auch viele Kinder betroffen waren", so Tübben. "Schwere Kopfverletzungen, Hals-, Wirbelsäulen-, Brustkorbverletzungen, Bauchverletzungen, Überrollverletzungen, dadurch, dass offensichtlich ein Fahrzeug über den Körper gerollt ist, sodass auch Beckenverletzungen da waren, bis zu schief stehenden unteren Extremitäten - es waren alle Verletzungen da, die man sich bei einem Unfallszenario vorstellen kann." Auch Menschen, die das Drama mit ansehen mussten, seien ins Krankenhaus gebracht worden oder hätten sich später selbst eingeliefert. "Es ist so, dass die viel mehr betroffen sind manchmal, als man das auf den ersten Blick sieht."

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Arzt konnte nach dem Einsatz in Volkmarsen eine Nacht nicht schlafen

Einen Einsatz in dieser Größenordnung hatte selbst der erfahrene Mediziner noch nicht. "Es ist ungewöhnlich, so viele schwerverletzte Patienten zu haben". sagt Tübben. Eine Herausforderung sei es vor allem gewesen, die richtigen Ärzte und Krankenhäuser zuzuweisen, im Chaos den Überblick zu bewahren. Am meisten habe ihm die Unsicherheit an der Einsatzstelle zu schaffen gemacht. "Wir wussten als Ankommende ja eigentlich gar nicht, was passiert ist. Letztendlich erfahren wir auch das meiste nach dem Einsatz aus den Medien." Es sei schwierig, in einer solchen Situation zu funktionieren, ohne die genauen Umstände zu kennen. Das Erlebte habe auch ihm eine schlaflose Nacht beschert.

Auch die Helfer brauchen nach einem solchen Einsatz Hilfe

Volkmarsen: Feuerwehrleute stehen an der Unfallstelle.
Die Einsatzkräfte müssen das Erlebte verarbeiten.
© dpa, Uwe Zucchi, cul

Die Notärzte, die im Einsatz waren, hätten am Morgen danach im gemeinsamen Gespräch versucht, das Erlebte zu verarbeiten. "Auch für die gesamte Truppe aus Polizei, aus Feuerwehr, aus Rettungdienst und aus der Leitungsgruppe heraus wird es ein Nachtreffen geben. Auch wir müssen darüber reden, was wir gesehen haben, damit der nächste Einsatz wieder so funktioniert wie jetzt", sagt Tübben. "Ein ganz großes Lob muss man auch an die Bevölkerung vor Ort sagen." Die Menschen hätten sich spontan solidarisiert, die Apotheke habe Menschen aufgenommen, der Rewe-Markt habe seine sanitäre Einrichtungen und Verpflegung bereitgestellt und auch das Rathaus habe Türen und Räume geöffnet. "Sehr viele Initiativen auch von herumstehenden Menschen, die gar nicht direkt beteiligt waren - das war schon sehr eindrucksvoll, sehr toll."

Vieles müssen die Profis ausblenden. So auch die Tatsache, dass es möglich ist, dass der Täter derzeit im selben Krankenhaus behandelt wird wie seine Opfer. "Da muss man umschalten. Wir sind ja nicht der, der richtet über diesen Menschen. Sondern auch der hat eine Verletzung und die muss natürlich sowohl diagnostiziert als auch therapiert werden."

52 Verletzte, darunter 18 Kinder bei Anschlag auf Karnevalsumzug

Mercedes fuhr in Volkmarsen in Menschenmenge
Maurice P. raste mit einem Mercedes ungebremst in eine feiernde Menschenmenge.
© REUTERS, THILO SCHMUELGEN, ZUZ/ZWO/PKP

Der mutmaßliche Täter, Maurice P., wurde bei dem Vorfall mit 52 Verletzten ebenfalls verletzt. Er sei vorläufig festgenommen worden, so die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. Das Motiv des 29 Jahre alten deutschen Staatsbürgers, der aus Volkmarsen kommt, ist noch unklar. Er sei zum Tatzeitpunkt nicht alkoholisiert gewesen. Ob er unter Drogeneinfluss gestanden habe, stehe noch nicht fest, sagte ein Sprecher. Bislang sei der Mann nicht vernehmungsfähig.