Dramatische Zustände in Großbritannien

Müllsäcke statt Schutzkleidung: Krankenschwestern mit Covid-19 infiziert

09. April 2020 - 14:59 Uhr

von Katharina Delling aus London

Immer wieder wird über Hilferufe von britischem Krankenhauspersonal berichtet, die Masken mehrfach verwenden müssen oder sogar Schwimmbrillen als Schutz gegen das Corona-Virus tragen. Landesweit fehlt es hier an professioneller Schutzkleidung, Beatmungsgeräten und Krankenhausbetten. Doch dieses Foto löste eine erneute Schockwelle in der britischen Bevölkerung aus: drei Krankenschwestern posieren in blauen Müllsäcken. Wer jetzt denkt, dass es sich hier um einen schlechten Scherz handelt, liegt leider komplett falsch. Denn die blauen Müllsäcke ersetzen im Northwick Park Krankenhaus, das eine knappe Stunde von London entfernt liegt, die Schutzkleidung.

Vergangenen Monat wandte sich eine der Krankenschwestern auf dem Bild an die britische Presse: "Wir könnten uns das Virus selbst einfangen. Wir brauchen jetzt eine richtige Schutzausrüstung, sonst werden Krankenschwestern und Ärzte sterben. So einfach ist das. Wir behandeln unsere eigenen Kollegen auf der Station, nachdem sie sich das Virus von Patienten eingefangen haben. Wie kann das richtig sein?" Auch wir berichteten über den Fall.

Wie wenig Schutz diese Säcke tatsächlich bringen, zeigt sich schnell. Jetzt wurde klar: die drei Krankenschwestern haben sich alle mit Covid-19 infiziert. Die Regierung verspricht schon seit einiger Zeit, dass sie weitere Schutzkleidung an die Krankenhäuser schicken - doch Berichten aus mehreren Krankenhäsuern zufolge scheint die bisher nicht angekommen zu sein. Und das obwohl sich die Situation täglich verschlechtert. Die neuesten Zahlen zeigen: fast 1.000 Menschen sind innerhalb von 24 Stunden in Großbritannien gestorben - insgesamt sind es inzwischen 7097 Corona-Tote und 60.733 Infizierte.

Boris Johnson mache stetig gesundheitliche Fortschritte

FILE PHOTO: Britain's Prime Minister Boris Johnson appears on a monitor for the coronavirus disease (COVID-19) meeting in London, Britain March 28, 2020. The prime minister chairs the morning update meeting on the coronavirus remotely from Number 11
Boris Johnson liegt derzeit auf der Intensivstation.
© via REUTERS, Handout ., PF/PKP/FW1F/Simon Newman/FW1/Jan

Dr. Jenny Abthorpe arbeitet auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses und erzählt Sky News: "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals so viele Menschen in nur einer Woche verloren habe." Der Zustand des britischen Gesundheitssystems und die hohe Sterberate verschlimmern die Sorgen um Premierminister Boris Johnson. Seit drei Nächten liegt er nun auf der Intensivstation im St. Thomas Krankenhaus in London. Während die Downing Street nur wenig Informationen über den Zustand Johnson herausgibt, klingt das Update heute zumindest hoffnungsvoll: Boris Johnson sei mental soweit anwesend, dass er weiterhin das Land betreffende Entscheidungen treffen könne. Seine Lage sei weiterhin stabil und er würde stetige Fortschritte machen. Und trotzdem bedeutet das keinesfalls, dass er in den kommenden Tagen wieder regierungsfit ist.

Das weiß auch David Hunt. Noch vor einer Woche lag auch er auf eben der Intensivstation im St. Thomas Krankenhaus, auf der Boris Johnson jetzt liegt. Der 38-Jährige musste künstlich beatmet werden und wurde dafür in ein künstliches Koma versetzt. Die Krankenpfleger auf der Intensivstation sagten ihm, dass das Koma zwischen fünf und zehn Tagen dauern wird und gaben ihm noch Zeit seine engsten Familienmitglieder und Freunde anzurufen.

Sky News erzählt er, dass er in diesem Moment mit seinem Leben abgeschlossen hatte. "Für mich war es das. Ich rief meinen Bruder an und teilte ihm das Passwort zu meinem Computer mit, wo sich mein Testament befindet." Doch er hatte Glück: nach nur 48 Stunden wachte er wieder auf und konnte nach vier Tagen die Intensivstation verlassen. Die Hoffnung ist, dass auch Boris Johnson sich in den kommenden Tagen so fit ist, dass er die Intensivstation verlassen kann. Doch auch dann, würde der Premierminister noch einige Zeit brauchen, bis er wieder vollständig gesund ist.