Kasseler Regierungspräsident erschossen

Mordprozess: Stephan Ernst gesteht, den Schuss auf Walter Lübcke abgegeben zu haben

05. August 2020 - 16:50 Uhr

Überraschende Wende im Prozess

Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat der Hauptverdächtige Stephan Ernst zugegeben, den Schuss auf den Politiker abgegeben zu haben. Das verlas der Anwalt des Angeklagten in einer Erklärung vor Gericht. Der mutmaßliche Täter hatte bereits vor Beginn des Prozesses in zwei Vernehmungen unterschiedliche Angaben zur Tat gemacht. In einem ersten Geständnis gab er die Tat zu, widerrief seine Aussagen aber wenig später. In einem neuen Teilgeständnis bezichtigte Ernst den inzwischen mitangeklagten Markus H. Er habe die Waffe gehalten, als sich der tödliche Schuss auf den CDU-Politiker versehentlich löste. Dieses Teilgeständnis sei aber eine Falschaussage auf Anraten seines ehemaligen Anwaltes gewesen, ließ Ernst seinen jetzigen Verteidiger erklären.

Angeklagter behauptet, er sei schon als Kind ausländerfeindlich geworden

In der Erklärung des Verteidigers ging es auch um die Kindheit des Angeklagten. Stephan Ernst behauptete darin, seine ausländerfeindliche Einstellung von seinem Vater übernommen zu haben, den er als Kind beeindrucken wollte. Als er sich in der Schule mit einem türkischen Jungen angefreundet habe, sei er zuhause verprügelt worden. Der gewalttätige, alkoholabhängige Vater habe nicht nur ihn, sondern auch seine Mutter regelmäßig geschlagen. Er habe darum als Kind unter Angstzuständen gelitten und angefangen, sich selbst zu verletzen. Aus Angst vor Angriffen des Vaters, sei er mit einem Messer ins Bett gegangen.

Als Teenager habe seine ausländerfeindliche Einstellung sich verfestigt. Sie habe ihm Orientierung gegeben, so der Anwalt von Stephan Ernst. Der Angeklagte kam dann nach einer Messerattacke auf einen Ausländer in Jugendhaft. In der JVA habe er sich dann weiter politisch radikalisiert und sich nach der Haft einer Gruppe Nationalisten angeschlossen. Auf Demonstrationen knüpfte er weitere Kontakte zu Gleichgesinnten und lieferte sich Schlägereien mit der Antifa.

Angeklagter schoss Lübcke aus nächster Nähe in den Kopf

Im Schützenverein lernte Ernst den Mitangeklagten Markus H. kennen. Er habe ihn zu Schießübungen und AfD-Stammtischen mitgenommen. Die beiden bereiteten sich mit Waffen und Munition auf einen ihrer Ansicht nach drohenden Bürgerkrieg vor. Sie zielten damals immer auf Bilder von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hätten dann angefangen zu Walter Lübcke zu recherchieren und den Eindruck gehabt, dass man an ihn rankommen könne.

H. und Ernst trafen sich laut der Erklärung auch am Tattag und beobachteten das Haus des Politikers von einer Pferdekoppel aus. Sie hätten beschlossen, Lübcke von zwei Seiten anzugreifen, wenn er auf die Terrasse käme. Als der Politiker dann tatsächlich draußen stand, habe Ernst ihn in einen Stuhl gedrückt und ihm die Waffe vors Gesicht gehalten. Als Lübcke wieder aufgestanden sei, habe er abgedrückt. Dann seien sie vom Tatort geflohen.

Inzwischen bereue er die Tat, ließ Ernst über seinen Anwalt erklären. Er wisse, was er der Familie des Opfers angetan habe und das sei nicht zu entschuldigen. Er sei den falschen Leuten gefolgt.

Was der Angeklagte zuvor gesagt hatte, widersprach sich

Ernst soll den CDU-Politiker 2019 aus rechtsextremistischen Motiven erschossen haben. Er muss sich seit Juni vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt verantworten. Der zweite Angeklagte, Markus H., wird der Beihilfe beschuldigt. Der Prozess findet unter hohen Sicherheitsmaßnahmen statt. Wegen der Corona-Pandemie wurde zudem die Zahl der Besucher und Prozessbeobachter begrenzt.

Was Ernst nach seiner Festnahme geschildert hatte, war widersprüchlich. Zuerst legte er vor Kriminalpolizisten ein ausführliches Geständnis ab. Darin berichtete er, wie er immer wieder allein zum Grundstück Lübckes gefahren war, den er in der Mitverantwortung für die Aufnahme von Flüchtlingen im Regierungsbezirk Kassel und für islamistische Anschläge sah. Im Juni 2019 habe er dann Lübcke vor dem Wohnhaus des Politikers erschossen.

Stephan Ernst widerrief sein Geständnis

Wenige Tage nach seinem Geständnis, widerrief Stephan Ernst seine Aussagen. Stattdessen legte er einige Monate später ein neues Teilgeständnis ab. Darin schilderte er nun, wie er mit H. zu Lübckes Wohnhaus fuhr. Sie hätten den Politiker nur einschüchtern und bedrohen wollen. Der Schuss habe sich dann versehentlich gelöst, als H. die Waffe gehalten habe. Beide Geständnisse von Ernst sind in der Verhandlung bereits als Video gezeigt worden.

Ernsts früherer Pflichtverteidiger, Frank Hannig, der noch die Aussage seines Mandanten für diesen Mittwoch angekündigt hatte, legte inzwischen Beschwerde gegen seine Abberufung ein. Das OLG Frankfurt leitete diese dem Bundesgerichtshof (BGH) zu. Ernsts anderer Pflichtverteidiger, der Kölner Anwalt Mustafa Kaplan, hatte die Abberufung damit begründet, dass das Vertrauensverhältnis seines Mandanten zu dem Anwalt dauerhaft zerstört sei.


Quelle: DPA, RTL.de