Mordprozess entfacht Debatte: 'Kultur-Rabatt' für Ehrenmörder?

2. Juni 2014 - 14:34 Uhr

24-Jähriger ersticht schwangere Ex-Freundin

Der Mord an einer schwangeren Frau in Wiesbaden hat eine neue Debatte über die Bestrafung von sogenannten Ehrenmorden entfacht. Die 22-Jährige war von ihrem deutsch-afghanischen Freund erstochen worden, weil dieser die Beziehung vor seinen Eltern geheim halten wollte. Der 24-Jährige wird für schuldig befunden und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Allerdings erkennt das Gericht keine "besondere Schwere der Schuld". Der Mann habe sich "aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden". Nimmt die Justiz hierzulande bei ihren Urteilen zu viel Rücksicht auf kulturelle Einflüsse?

Auch wenn ein solcher Präzedenzfall den Eindruck erweckt, beweisen Studien das Gegenteil. Laut einer Erhebung des Max-Planck-Instituts werden Ehrenmörder in Deutschland sogar strenger bestraft als andere Beziehungstäter, berichtet der 'Spiegel'. "Die Justiz gibt Ehrenmördern keinen Rabatt", sagt Forscherin Julia Kasselt. Sie wertete Straftaten zwischen 1996 und 2005 aus und verglich sie miteinander. Dabei seien Schuldsprüche gegen Täter, die aus kulturellen und Motiven der Ehre gehandelt hatten, deutlich strenger bestraft worden.

Ehrenmord-Debatte wird Thema auf Juristentag

Bei dem Mord in Wiesbaden hatte die Staatsanwaltschaft eine "besondere Schwere der Schuld" gefordert, um die Haftentlassung des Angeklagten auch nach 15 Jahren zu verhindern. Von Seiten der Vorsitzenden Richterin hieß es jedoch, der Mann sei noch "recht ungefestigt".

Viele empören sich über das Urteil. "Warum bekommt er für seinen kulturellen Hintergrund auch noch Strafmilderung? Er ist schließlich hier geboren! Ich als Christ bekäme ja auch die volle Strafe", sagte der Vater der ermordeten 22-Jährigen der 'Bild am Sonntag'. "Der Mann ist hier aufgewachsen und hier zur Schule gegangen; er hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Er musste wissen, welche Regeln hier gelten", sagt Rechtsanwältin Birgitta Biehl der 'Welt'. Sie ist Vorsitzende des Vereins 'Peri e.V.' (deutsch: Gute Fee), der sich für Menschen mit Migrationshintergrund einsetzt. "Es war auch keine Frage mangelnder Bildung; der Mörder war Student."

Die Problematik des Umgangs mit Wertvorstellungen von Zuwanderern soll auf dem 70. Deutschen Juristentag im September thematisiert werden. Das kündigte Präsident Prof. Thomas Mayen an. Dabei soll diskutiert werden, ob kulturell oder religiös geprägte Vorstellungen - etwa bei Blutrache oder Ehrenmorden - Auswirkungen auf das deutsche Strafrecht haben sollen. Zu der europaweit größten juristischen Fachtagung in Hannover werden rund 3.000 Juristen erwartet, die nach ihren Beratungen oft auch Empfehlungen an den Gesetzgeber machen.