Mord oder Selbstmord? Die Rätsel im Fall Barschel

Archiv: Uwe Barschel weist bei einer Pressekonferenz in Kiel am 18.09.1987 mit einem "Ehrenwort" alle Beschuldigungen in Zusammenhang mit der Bespitzelung des ehemaligen Oppositionsführers Engholm zurück.
Archiv: Uwe Barschel weist bei einer Pressekonferenz in Kiel am 18.09.1987 mit einem "Ehrenwort" alle Beschuldigungen in Zusammenhang mit der Bespitzelung des ehemaligen Oppositionsführers Engholm zurück.
© dpa, Werner Baum

21. März 2013 - 8:38 Uhr

Schwere Ermittlungspannen im Fall Barschel

Auch am 25. Todestag von Uwe Barschel ist noch immer unklar, wie der CDU-Politiker ums Leben kam. Am 11. Oktober 1987 wurde seine Leiche in einem Hotelzimmer des Genfer 'Beau Rivage' gefunden. Die Todesursache: Medikamentenvergiftung. Ob der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident den tödlichen Cocktail selbst einnahm oder ob er umgebracht wurde, ist bis heute ungeklärt.

Der 'Spiegel' hatte zuvor einen Skandal um Barschels Staatskanzlei enthüllt: Der Referent der Kanzlei Reiner Pfeiffer ließ Detektive auf den SPD-Kontrahenten Björn Engholm los, setzte ihn mit einem falschen Aids-Verdacht unter Druck und bezweifelte mit einer anonymen Anzeige dessen Steuerehrlichkeit.

Schnell kam der Verdacht auf, Barschel habe von den dubiosen Methoden Pfeiffers gewusst oder diese sogar in Auftrag gegeben. Der 43-Jährige stand als politischer Lügner und Schurke da, auch wenn er seine Unschuld per "Ehrenwort" beteuerte. Er wurde 1993 zwar durch einen Untersuchungsausschuss entlastet, aber nicht komplett. Selbst seine eigene Partei glaubte ihm nicht mehr – nach fünf Jahren im Amt musste er abtreten.

Sah Uwe Barschel in einem Selbstmord den einzigen Ausweg aus dieser Misere? Oder wurde er gar von einem Geheimdienst wegen nie bestätigter Verwicklungen in illegalen Waffenhandel ermordet? Ein sicheres Ja gibt es bis heute auf keine der beiden Fragen. Allerdings wurden schwere Ermittlungspannen publik. So warf die Polizei vermutlich Medikamentenpackungen weg. Auch gab es kein offizielles Tatortfoto, weil die Kamera versagte.

Merkwürdigkeiten wie eine aus dem Hotelzimmer verschwundene Rotweinflasche, ein abgerissener Hemdknopf, ein schmutziges Handtuch und ein Whiskyfläschchen mit geringen Spuren eines Schlafmittels, das auch in Barschels Körper war, hielten Spekulationen immer wieder am Köcheln - bewiesen haben sie nichts.

Selbst wenn heute neue Spuren auftauchen, wie vor Wochen an Barschels Socken und Strickjacke, steht ihr Nutzen in Frage, denn es müssten sich in den DNA-Datenbanken auch mordverdächtige Vergleichspersonen finden.

Familie glaubt nicht an Selbstmord

Dennoch ist für die Witwe des Verstorbenen klar, dass ihr Mann getötet wurde. Seine gesamte Familie schloss einen Selbstmord von vornherein aus. Auch heute weicht Freya Barschel von dieser Meinung nicht ab. "Mein Mann hatte am Kopf und im Mageninneren Verletzungen, die nicht von ihm stammen konnten", sagt sie. Zudem seien ihrer Meinung nach nicht alle Möglichkeiten in Bezug auf DNA-Abgleiche ausgeschöpft worden.

Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen hält einen Selbstmord für wahrscheinlicher. Nach einem Flugzeugabsturz im Mai 1987, den Barschel als einziger überlebte, habe dieser sich sehr verändert. "Ich weiß es zwar genau so wenig wie jeder andere, aber ich neige dazu, dass es Selbstmord war." Die Barschel-Affäre habe bis heute Auswirkungen auf das Ansehen des Landes Schleswig-Holstein. Alle Entwicklungen im Norden würden sofort in Zusammenhang gebracht mit der Affäre, auch von den Kommentatoren in den Medien.

Carstensen äußert Unverständnis darüber, dass nach Bekanntwerden der Affäre die gesamte CDU in Mithaftung genommen wurde. Die gesamte Affäre der CDU unterzuschieben sei ungerecht gewesen: "So darf man nicht mit einer Partei umgehen, die schmerzlich gelitten und tiefe Betroffenheit gezeigt hat." Es habe lange gedauert, bis wieder politische Normalität eingekehrt sei.

Wie Carstensen auch, neigte der damalige Generalstaatsanwalt in der Affäre, Erhard Rex, zu der Suizid-These. In einem Untersuchungsbericht von 2007 legte er sich darauf allerdings nicht fest. "Der Tod von Dr. Barschel bleibt rätselhaft", schreibt Rex. "Es handelt sich weder um einen klassischen Mord, noch um einen klassischen Selbstmord." Sein Opponent, der langjährige Chefermittler in dem Fall, Heinrich Wille, nannte sein Buch hingegen "Ein Mord, der keiner sein durfte" - er glaubt also nicht an einen Selbstmord.

Freitod oder Mord? Ob das je zweifelsfrei geklärt werden wird, bleibt fraglich. Für den Norden Deutschlands war die Barschel-Affäre auf alle Fälle ein Trauma mit Spätwirkungen – egal ob Selbstmord oder nicht.