Monza-Fiasko mit Folgen: Sebastian Vettel und Ferrari verschenken im Formel-1-Titelkampf wertvolle Punkte

Die entscheidende Szene in Monza: Sebastian Vettel und Lewis Hamilton geraten aneinander. Der Ferrari dreht sich, der Silberpfeil fährt weiter.
© imago/Motorsport Images, Manuel Goria, imago sportfotodienst

05. September 2018 - 10:14 Uhr

Von Martin Armbruster

Es läuft wie verhext für Sebastian Vettel im Formel-1-Titelkampf gegen Mercedes-Rivale Lewis Hamilton. Statt mit einer roten Party beim Ferrari-Heimspiel in Monza endgültig die WM-Wende einzuläuten, liegt der Deutsche nach dem Europa-Finale satte 30 Punkte hinter Hamilton zurück.

Lewis Hamilton stichelt gegen Vettel : "Es muss furchtbar für ihn sein"

Christian Danner war sich relativ schnell sicher. "Diese Kollision hätte Sebastian vermeiden können", kommentierte der RTL-Experte Vettels verhängnisvollen Erstrunden-Kuss mit Hamilton im Königlichen Park zu Monza. Eine Ansicht, mit der Danner nicht alleine dastand. Beinahe durch die Bank weg herrschte im Paddock die Meinung, der Ferrari-Pilot hätte in der vierten Kurve taktisch clever zurückziehen, statt mit der Brechstange dagegen halten sollen. Schließlich waren ja noch 52 3/4 Runden zu fahren.

"Es muss furchtbar für ihn sein", goss Hamilton nach seinem zuckersüßen Auswärtssieg Salz in Vettels Wunden. Er habe gar nicht verstanden, warum sein Rivale vor Kurve 4 überhaupt nach innen gezogen sei. Schlussendlich sei es in Monza darum gegangen, "wer die wenigsten Fehler macht. Denn der Druck ist – puhh!", verpasste Hamilton sich selbst noch ein dickes Eigenlob – und Vettel eine verbale Spitze. Tenor: Ich liefere unter Feuer, der andere nicht.

"Im Nachhinein hätte ich es natürlich anders gemacht"

Solche Sprüche lassen sich vom obersten Siegertreppchen natürlich leicht reißen. Ebenso wie Experten-Analysen von außen schnell formuliert sind. Ihm sei schlicht der Platz ausgegangen, sagte der gescholtene Vettel nach dem Italien-Fiasko im RTL-Interview: "Ich hatte dann das Pech, dass ich mich gedreht habe und bei mir alles kaputt ging und bei Lewis nichts passierte." Gleichzeitig räumte der 31-Jährige zerknirscht ein: "Natürlich würde ich es jetzt im Nachhinein anders machen, aber in dem Moment hat man nicht so viel Zeit zum Nachdenken."

Vettel hat völlig Recht. In der Königsklasse entscheiden seit jeher Zehntel- ja sogar Tausendstel über Wohl und Wehe. Und doch: Einen absoluten Topfahrer (wie Vettel) zeichnet eben aus, im Bruchteil einer Sekunde unter Druck das Richtige zu tun, die richtige Linie zu wählen, den richtigen Bremspunkt zu erwischen. So gesehen hat Vettel in Monza schon den vierten Bock in dieser Saison geschossen, der ihn zum vierten Mal wertvolle Punkte im Titelkampf kostete.

Monza-Malheur schon Vettels vierter Patzer

In Baku wollte Vettel beim Re-Start auf Platz 2 liegend mit aller Gewalt an Valtteri Bottas im Mercedes vorbei. Er verpasste den Scheitelpunkt der ersten Kurve – nur Platz 4 statt 1 (Bottas schied kurz darauf aus), nur 12 statt 25 Punkte.

In Le Castellet bremste Vettel schon wieder zu spät, räumte direkt nach dem Start Bottas ab und fiel ans Ende des Feldes zurück – nur Platz 5 statt 2 oder 3, nur 10 Punkte statt derer 15 oder 18. Der Vettel-GAU beim Heimrennen in Hockenheim: Bei einsetzendem Regen verpasste der viermalige Champion in der Sachskurve den Bremspunkt – Kiesbett statt Champagner, 0 statt 25 Punkte. Und jetzt das Monza-Malheur in Runde 1 – nur Rang 4 statt Sieg oder wenigstens Platz 2, wieder nur 12 statt 18 oder 25 Zähler!

Hält Vettel dem Druck, Ferrari nach mehr als zehn titellosen Jahren endlich wieder auf den Thron zu hieven, nicht Stand?

30 Punkte Rückstand trotz des besten Autos

Je nach Rechnung hat er im Duell mit Hamilton zwischen 50 und 60 Punkte weggeschmissen. Gewiss, auch Hamilton hatte in dieser Saison schon so seine Schwächephasen (wie in Monaco oder Kanada), auch dem Silberpfeil-Pilot gingen durch Strategiefehler seines Teams (Australien) oder wegen technischer Pannen (Österreich) jede Menge Punkte durch die Lappen. Umso bitterer ist für Vettel der gewaltige 30-Punkte-Rückstand auf Hamilton.

Zumal Ferrari nach Jahren eiserner Silber-Herrschaft endlich das bessere Auto, Vettel mit seiner "Roten Göttin" die schärfste Waffe im WM-Kampf hat. Der SF71H funktioniert auf allen Strecken, der Motor aus Maranello ist dem "Schwaben"-Aggregat zudem überlegen. Die Scuderia und Vettel schaffen es allerdings nicht (konstant genug), das Maximum aus diesem tollen Paket herauszuholen. Dem Triumph in Spa folgte das Desaster auf heimischem Boden in Monza – ein Stich ins rote Herz.

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