Mit "Rückenwind" ins All: Deutscher Alexander Gerst fliegt zur Raumstation ISS

29. Mai 2014 - 19:12 Uhr

"Ich habe mir die Rakete größer vorgestellt"

Der Countdown läuft: Erstmals seit sechs Jahren fliegt an diesem Mittwoch wieder ein Deutscher ins All - und Alexander Gerst kann die Reise zu den Sternen kaum erwarten. "Es wird Zeit, dass uns das Baby in den Orbit bringt", twittert Gerst vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Das "Baby" - das ist eine Sojus-Rakete mit rund 300 Tonnen Treibstoff.

Alexander Gerst
Alexander Gerst kann die Reise zu den Sternen kaum erwarten.
© dpa, Oliver Berg

Feierlich zog eine mächtige Diesellok das weiße Raumschiff zu Wochenbeginn von der Werkhalle durch die Steppe Kasachstans zu Rampe 1. Von hier startete schon Kosmonaut Juri Gagarin 1961 zu seinem historischen Flug. "Ich habe mir die Rakete größer vorgestellt", sagt Vater Hans-Dieter Gerst. Sein ältester Sohn soll während der 166 Tage auf der Internationalen Raumstation ISS Experimente betreuen und zu mindestens einem Außeneinsatz ins All aussteigen.

Ein halbes Jahr auf der ISS rund 400 Kilometer über der Erde - eigentlich sei das wenig, meint Alexander Gerst. "Es gibt noch so viel zu erforschen. Der Mensch ist zwar seit drei Millionen Jahren ein Entdecker, aber erst seit 50 Jahren fliegen wir ins All", so der 38-Jährige. Gerst hat Geophysik in Karlsruhe studiert und an der Universität Hamburg über Vulkane geforscht. "Bei Vulkanen schaut man ins Innere der Erde, vom Kosmos aus werde ich auf ihr Äußeres schauen", sagt der Wissenschaftler aus Künzelsau (Baden-Württemberg). "Ich bin überzeugt, dieser Blick hilft, unseren Planeten besser zu verstehen."

Im Gepäck: Stückchen vom Kölner Dom und eine Deutschlandfahne

Mehr als drei Jahre lang trainierte Deutschlands nächster Mann im All für die Reise zu den Sternen, in Russland sowie in den USA und in Deutschland. Völlig angstfrei sei er nicht. "Aber Angst ist ein Gefühl, das sich entwickelt, wenn man meint, die Kontrolle zu verlieren. Das wollen wir vermeiden, deswegen trainieren wir so." Gerst wird - im Gepäck ein Stückchen vom Kölner Dom und eine Deutschlandfahne - zusammen mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Astronauten Reid Wiseman zur ISS starten. Seit die USA ihre Space Shuttles 2011 einmotteten, müssen Nasa-Astronauten in den russischen Kapseln mitfliegen. 50 Millionen Euro zahlen die USA für einen Platz, fast ebenso viel soll die Mitfluggelegenheit für Gerst kosten.

Als bisher letzter Deutscher flog Hans Schlegel 2008 zur ISS. Gerst wird der elfte Deutsche im All sein und der dritte Deutsche auf der Raumstation - und vielleicht der letzte Deutsche: Denn Russland hat nach mehr als 15 Jahren ein Ende seines Engagements beim fliegenden Labor für 2020 angekündigt. Dabei handelt es sich wohl auch um eine Reaktion auf US-Sanktionen im erbitterten Ukraine-Konflikt. Experten fürchten nun, dass auf dem Außenposten der Menschheit bald die Lichter ausgehen könnten. Nach dem kosmischen Wettlauf zwischen der Sowjetunion und den USA im Kalten Krieg gilt die ISS heute auch als Symbol der Völkerverständigung.

Gerst klemmt unterdessen Holzklötze unter das Fussende seines Betts. "Wer leicht kopfüber schläft, gewöhnt sich besser an die kommende Schwerelosigkeit", erzählt er. Musik für den Start hat er schon ausgewählt: etwa das Lied "Rückenwind" des deutschen Hip-Hop-Sängers Thomas D. "Ihr seht mich als Punkt am Horizont verschwinden, um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden", heißt es darin. Besser, meint Gerst, sei sein Gefühl in Baikonur nicht zu beschreiben.