So krass wurde Jenny F. als Kind schikaniert

Mit 13 krebskrank und von Mitschülern gemobbt: "Wärst du mal besser gestorben"

02. Dezember 2020 - 18:24 Uhr

"Hätte ich keine Hilfe bekommen, hätte ich mir das Leben bekommen"

Zwei Millionen Kinder in Deutschland sind Opfer von Cybermobbing, Tendenz steigend, wie eine aktuelle Studie zeigt. Auch Jenny F. wurde als Kind jahrelang im Netz und in der Schule fertig gemacht. Was sie erlebt hat – im Video.

Als sie an Krebs erkrankte, wurde das Mobbing schlimmer

Der Terror begann, als Jenny gerade 12 Jahre alt war. Damals war sie mit ihrer Mutter aus dem Allgäu nach Homburg gezogen. Der schwäbische Dialekt war Grund genug für ihre Mitschüler, das Mädchen online und auf dem Pausenhof zu schikanieren, wie die heute 25-Jährige im Interview mit RTL erzählt. Es habe mit kleinen Hänseleien begonnen, doch schnell sei die Gruppe der Mobber größer geworden.

Vollends eskaliert seien die Übergriffe, als Jenny mit 13 Darmkrebs bekam, durch die Behandlung stark zunahm und aufgedunsen war. "Dann fing das an mit ganz bösen Beleidigungen", erzählt sie. "Du fette Sau" oder "verpiss dich doch einfach" seien da noch die harmloseren Sprüche gewesen. "Da fielen unter anderem so Kommentare wie 'wärst du besser mal dran gestorben'", so Jenny F. Besonders dieser Spruch habe sie, die gegen den Krebs gekämpft und überlebt hatte, schwer getroffen.

Jenny F. musste einige Tage in eine geschlossene Psychiatrie

"Ich war völlig runter mit den Nerven. Das ging so weit, dass ich mich selbst verletzt habe", sagt sie. Jenny F. ritzte sich Oberschenkel und Arme auf, "um zu spüren, dass ich noch lebe. Ich war wie so ein Roboter". Wenn sie von der Schule kam, ging die Hetze im Internet weiter. Am PC, via Handy. "Das macht einen regelrecht kaputt, wenn man nirgends mehr das Gefühl hat, sicher zu sein, egal, ob man jetzt in der Schule, bei der Arbeit oder zu Hause ist."

Sie habe körperliche Symptome wie Übelkeit und Kopfschmerzen entwickelt, musste am Ende sogar für einige Tage in eine geschlossene Psychiatrie. Es folgte eine psychosomatische Reha und Therapie. Bis 2017 habe das Mobbing angedauert, Hilfe holte sie sich erst spät. Heute würde sie das anders machen. "Ich würde nicht mehr versuchen, das mit mir selbst auszumachen. Je schneller man reagiert, umso schneller kann man dem ein Ende setzen."

Ihre Eltern kennen nicht die ganze Geschichte

2017 habe sie sich an das "Bündnis gegen Cybermobbing" gewandt und ließ sich beraten. Sie erfuhr, dass Cybermobbing eine Straftat ist, welche Konsequenzen ihren Peinigern drohen, wenn sie deren verbalen Missbrauch zur Anzeige bringen würde. Eine Anzeige erstatte sie nicht, allein die Drohung half, ihre Mobber zum Schweigen zu bringen. Eine Entschuldigung für die jahrelangen Schikanen habe sie bis heute nicht gehört. Im Gegenteil. "Wenn ich die Leute jetzt manchmal sehe, was zum Glück nicht häufig vorkommt, wird noch "Hallo" gesagt und so getan, als wäre nie was gewesen."

Jenny will nicht offen gezeigt werden, weil sie ihre Eltern schützen möchte. Mutter und Vater kennen nicht die ganze Geschichte, wissen nicht, dass der Terror zu Hause weiterging, wenn ihre Tochter in ihr Handy schaute oder am Computer saß. Dennoch möchte die 25-Jährige ihre Geschichte erzählen, "damit das nicht noch mehr Menschen passiert". Sie ist sich sicher: "Wenn ich mir keine Hilfe geholt hätte, dann hätte ich mir vermutlich das Leben genommen."