Missbrauchsskandal der Domspatzen: Schüler flehte Eltern in Brief an

Regensburger Domspatzen: Ein Brief eines Vorschülers.
Regensburger Domspatzen: Ein Brief eines Vorschülers.
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24. Juli 2017 - 15:06 Uhr

Zwei Jahre Aufklärungsarbeit bei den Regensburger Domspatzen

In einem Abschlussbericht des Rechtsanwalts Ulrich Weber wurden bereits die grausamen Erlebnisse der Opfer im Missbrauchsskandal beschrieben. Die Sänger mussten körperliche oder sexuelle Gewalt in ihrer Schulzeit über sich ergehen lassen. 547 Domspatzen sind seit 1945 missbraucht worden. In dem Abschlussbericht ist auch ein Brief eines Schülers zu finden, der seine Eltern anflehte, ihn nach Hause zu holen.

"Ich muß immer, immer weinen"

Starkes Heimweh war unter den Schülern der Regensburger Domspatzen sehr verbreitet. Ob die Kinder einfach so Heimweh hatten oder wegen der schlimmen Umstände aus dem Internat weg wollten, ist nicht klar. Dennoch gibt es viele Indizien, die darauf hinweisen, dass die Behandlung im Internat der eigentliche Auslöser war. In einem Brief, der im Abschlussbericht veröffentlich wurde, flehte ein Kind aus der Vorschule der Regensburger Domspatzen seine Eltern an, ihn abzuholen.

In den Brief waren folgende Zeilen zu lesen:

"Liebe, Liebe Eltern. Ich habe Euch so, so, gerne, bitte, bitte, ich möchte so, so, so gerne nach Hause. Bitte, bitte, schickt mir kein Päckchen, ich möchte so, so, so, gerne nach Hause. Holt mich gleich ab, wenn ihr den Brief gelesen habt und meldet mich beim Herr Direktor ab, das wäre mein Geburtstagswunsch, aber vergeßt den Koffer nicht. Ich muß immer, immer weinen. Und bezahlt gleich alles. Es ist besser so. Ich habe großes Heimweh. Ich warte in meinem Zimmer. Grüße alle recht herzlich."

Heimweh galt als Regelbruch

Laut des Abschlussberichtes galt Heimweh als Regelbruch bei den Regensburger Domspatzen. Die Kinder wurden häufig mit körperlicher oder seelischer Gewalt bestraft. Die Aufsichtspersonen wendeten Gewalt an, um an einzelnen Schüler ein Exempel zu statuieren.

Die Opfer beschrieben ihre schrecklichen Erlebnisse des Internats in Webers Bericht:

"In den drei Jahren weinte ich nachts täglich stundenlang in mein Kopfkissen – wegen unglaublichem Heimweh und aus Angst vor einem neuen Tag. Ein neuer Tag, an dem ich wieder für etwas bestraft werde, dessen Grund sich mir als Kind nicht erschloss."

"Das Heimweh wurde rausgeprügelt."

Ein anderes Opfer sagte:

"Ich litt damals auch sehr unter Heimweh, was meine psychische Situation noch deutlich verschlimmerte. Speziell in Pielenhofen stand ich vor allem nach den eingesteckten Schlägen oft am Zaun auf dem Sportplatz und wollte nur noch sterben oder diese Welt einfach irgendwie verlassen."

Die Erzieher zeigten kein Verständnis für das Heimweh ihrer Schüler. Sie versuchten den Kontakt mit den Eltern gering zu halten. Weber beschreibt in seinem Bericht weiterhin, dass einige Eltern ihre Kinder nicht ernst genommen hätten und ihre Aufsichtspflicht damit verletzt hätten. Der zitierte Brief blieb laut dem Abschlussbericht folgenlos. Durch die Briefzensur konnten die Verantwortlichen alle Briefe mit eigenen Kommentaren und Darstellungen ergänzen.

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Letzter Ausweg: Flucht

Als man die Schüler nicht nach Hause ließ, zogen sie die Flucht in Betracht. Nahezu alle Fluchtversuche scheiterten. Im Internat mussten die Kinder dann mit harten Strafen rechnen. So erinnerte sich ein Betroffener:

"Als wir [...] eines Sonntags nachmittags beim Spazierengehen ausgebüxt sind, weil wir die Tyrannei endlich hinter uns lassen wollten, wurden wir später am Bahnhof Etterzhausen wieder eingefangen. Dann setzte es im Büro von Direktor M. mit einem Geigenbogen derartige Hiebe als Bestrafung auf die Hand, dass wir uns vor Schmerzen krümmten."

Die schlimmen Erlebnisse hinterließen bei den Kindern körperliche und seelische Narben:

"Aber nicht der Schmerz war das Schlimmste, sondern das Wissen, dass einem niemand
helfen wird, dass Weglaufen zwecklos ist, weil einen der Hausmeister S. mit seinem
Moped einholen und zurückbringen wird."


Beschuldigte werden nicht mehr belangt: Verjährte Taten

Die knapp 50 Beschuldigten, die sich an den Schülern vergingen, haben strafrechtlich nichts mehr zu befürchten. Ihre grausamen Taten sind verjährt. Die Betroffenen fordern nun die Verjährungsfristen für den Kindesmissbrauchs aufzuheben. Bisher ist es so, dass je nach Schwere des Deliktes bestraft wird. Die Verjährungsfrist von sexuellem Kindesmissbrauch liegt zurzeit zwischen fünf und 30 Jahren.