Missbrauchsfälle in Heilbronn: Erzieher kündigt Geständnis an

Prozessbeginn gegen Ex-Kindergartenleiter in Heilbronn.
Prozessbeginn gegen Ex-Kindergartenleiter in Heilbronn.
© dpa, Sebastian Gollnow, scg fpt

27. August 2018 - 21:33 Uhr

Der Erzieher soll einen Jungen immer wieder missbraucht haben

Der Kitaleiter Kevin F. war bei Kindern und Eltern sehr beliebt. 2016 ging der Mann aber einem verdeckten Ermittler ins Netz, als er versuchte, online kinderpornografisches Material zu tauschen. Nach und nach flog das Doppelleben des heute 31-Jährigen auf. Von 2012 bis Anfang 2018 soll er einen Jungen immer wieder missbraucht haben. Dass der scheinbar vorbildliche Erzieher so etwas tun könnte, hatte niemand in seinem Umfeld für möglich gehalten. Nun hat in Baden-Württemberg der Prozess begonnen. Dem Mann drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Kevin F. filmte die Taten

Der Ex-Leiter eines Heilbronner Kindergartens muss sich nun wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Herstellung von Kinderpornos vor dem Landgericht Heilbronn verantworten. Kevin F. sitzt seit März 2018 in Haft. Laut Anklage soll er sein Opfer mindestens 19 Mal missbraucht und die Taten gefilmt haben. Als er sich zum ersten Mal an dem Jungen vergriff, war der gerade einmal sechs Jahre alt.

Die Eltern hatten Vertrauen zu dem auch ehrenamtlich aktiven Erzieher, heißt es. Sie ließen ihren Sohn sogar bei ihm übernachten. Mit Handschellen und in einem gestreiften Hemd lässt der Mann am Montag die Anklage mit den hässlichen Details der ihm vorgehaltenen Vergehen nahezu regungslos über sich ergehen.

Ob auch das Opfer aussagen muss, hängt vom Verlauf des Prozesses ab

Die Opfereltern und ihr Kind haben sich den Prozessauftakt erspart. Zuschauer im voll besetzten Sitzungssaal verfolgen die Anklage mit Kopfschütteln. Zu den Vorwürfen wolle der Angeklagte sich beim nächsten Prozesstag am 18. September äußern, kündigte Verteidiger Thomas Amann an. "Er will für seine Taten einstehen", sagte Amann, der schon ein Geständnis seines Mandanten angekündigt hat.

Meike Pirkner, die Vertreterin des heute 13 Jahre alten Opfers, äußerte sich am ersten Prozesstag nicht dazu, wie es dem Jungen geht. Sie scheiterte mit dem Versuch, die Öffentlichkeit für den Opferschutz gänzlich vom Prozess auszuschließen. Das Interesse der Öffentlichkeit sei in diesem Fall sehr groß, sagte die Vorsitzende Richterin Eva Bezold. Das Landgericht hat zunächst sechs Verhandlungstage bis zum 28. September angesetzt. Fünf Zeugen sind geladen, darunter das Opfer. Ob der Junge aussagen muss, hängt vom Verlauf des Verfahrens und nicht zuletzt vom Geständnis des 31-Jährigen ab.

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Kevin F. wurde damals sogar vom Bundesfamilienministerium für seine Arbeit ausgezeichnet

Kevin F. lernte das Kind in einem Kindergarten kennen, heißt es. Die Eltern kannten den Erzieher von einem Büchercafé, das er mit seiner Mutter organisierte. Der seit Anfang März in Haft sitzende 31-Jährige war auch privat und ehrenamtlich umtriebig in Heilbronn. Er organisierte Geburtstagspartys und Ausflüge, hatte sehr viele Kontakte.

2014 wurde er vom Bundesfamilienministerium für seine Arbeit ausgezeichnet. Für Entsetzen und Kritik an den Ermittlungsbehörden und der Kirche sorgte, dass der Mann noch als Erzieher arbeitete und das Kind missbraucht haben soll, als bereits wegen Kinderpornografie gegen ihn ermittelt wurde. Anfang 2016 kam er ins Visier der Ermittler, im Mai 2016 beschlagnahmte die Polizei bei ihm 13.000 Bilder und Videos mit Kinderpornografie. Der Beruf des Mannes sei damals nicht ermittelt worden, heißt es später. Ein Fehler, wie die Polizei einräumte.

Es dauerte Monate, bis Kevin F. von seinem Arbeitgeber freigestellt wurde

Die Kirche als Arbeitgeber muss sich vorhalten lassen, nicht sofort gehandelt zu haben, als sie von den Vorwürfen erfuhr. Noch mehrere Monate arbeitete der Erzieher weiter für die Gemeinde. Ein Krisenteam versucht nun, Licht in die Angelegenheit zu bekommen. Der zuständige Kirchenpfleger zeigte sich selbst an, um ein Disziplinarverfahren gegen sich in Gang zu setzen. Um dies zu führen, setzte die Evangelische Landeskirche Württemberg einen ehemaligen Bundesrichter als Unabhängigen ein. Er habe so viel Zeit, wie er brauche, danach würden Konsequenzen gezogen. 

Auch die zuständigen Ermittlungsbehörden werden den Missbrauchsfall noch aufarbeiten müssen. Denn obwohl der Erzieher bereits 2016 auffiel und tausende kinderpornografische Fotos und Videos bei ihm beschlagnahmt wurden, dauerte es bis zum Sommer 2017, bevor der Arbeitgeber informiert wurde. Bis die Kirchengemeinde reagierte, vergingen aber weitere Monate.

Erst im Januar 2018 wurde Kevin F. freigestellt. Bis dahin hatte er jeden Tag Kinder in seiner Obhut. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Erzieher bis zu 15 Jahre Haft. In seinem Beruf wird er wohl auch nie wieder arbeiten dürfen.