Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

Sina F. wurde selbst als Kind missbraucht: "Man trägt es ein Leben lang mit sich"

13. Mai 2020 - 17:06 Uhr

Im Video: Sina F. ist auch als Kind missbraucht worden

Am Dienstag musste sich ein Tatverdächtiger im Missbrauchskomplex von Bergisch Gladbach vor der auswärtigen Strafkammer des Landgerichts Kleve in Moers verantworten. Der 27-jährige Bundeswehrsoldat Bastian S. soll sich in insgesamt 33 Fällen an vier verschiedenen Kindern vergangen haben, darunter auch seine eigene Tochter und sein Stiefsohn. Sina F. verfolgt den Prozess seit längerem. Ihr ist es wichtig, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Die 19-Jährige ist als Kind ebenfalls missbraucht worden und spricht im Video über ihre Erfahrungen. 

"Einen Missbrauch trägt man ein Leben lang mit sich"

Ein Prozess nimmt irgendwann ein Ende, die eigenen Erlebnisse kann man nicht aus seinem Kopf löschen. "Man trägt es ja ein Leben lang mit sich. Das kann man nicht einfach ablegen oder abschließen. Man muss lernen, damit zu leben", erzählt Sina F. (Name von der Redaktion geändert) im RTL-Interview. Sie wurde zwischen ihrem achten und 15. Lebensjahr von ihrem eigenen Stiefvater missbraucht.

Die mittlerweile 29-Jährige war damals auf sich allein gestellt. Die Familien waren zerstritten. Sie musste alleine vor Gericht im Beisein ihres Peinigers aussagen - ohne psychologische Hilfe, ohne Unterstützung aus der Familie. Ihr Stiefvater gestand die Tat und kam mit einer Geldstrafe von 35.000 Euro davon. Für die Missbrauchsopfer im aktuellen Fall aus Bergisch Gladbach hofft sie auf eine gerechtere Strafe. Denn nur mit einer Geldsumme oder wenigen Jahren Haft sei es nicht getan.

Missbrauchstäter nutzen emotionale Beziehung zu Kindern aus

Die meisten sexuellen Missbrauchstaten werden im sozialen Umfeld begangen, sei es unter Bekannten oder in der eigenen Familie. Selten sind die Täter Fremde. "Die Verfügbarkeit ist ein wichtiger Punkt. Wenn jemand, der ein sexuelles Interesse an Kindern verspürt, Kinder in seiner Umgebung hat, zu denen er bereits ein Vertrauensverhältnis hat, dann kann er das natürlich ausnutzen, um seine sexuellen Bedürfnisse an diesen Kindern zu befriedigen", sagt Kriminalpsychologin Lydia Benecke.

Oft würden Missbrauchstäter eine emotionale Beziehung zu den Kindern ausnutzen. "Wenn die Kinder diesem Menschen vertrauen und sie dann als Bezugsperson sehen, dann ist das genau die Möglichkeit für die Täter, die Kinder dann zu sexuellen Missbrauchshandlungen zu manipulieren", so die Kriminalpsychologin.

Durch die emotionale Bindung zu dem Täter, haben die Kinder oft Angst, die Wahrheit zu sagen oder die Bezugsperson zu verlieren. Die meisten Missbrauchstäter haben laut Benecke viele Ausreden, um sich selbst zu entlasten. Sie denken, dass sie keine körperliche Gewalt anwenden oder das Kind auch "Nein!" sagen könnte.

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Partnerinnen bekommen oft nichts vom Missbrauch mit

Die allermeisten sexuellen Missbrauchstäter haben jede Menge Ausreden für sich selbst, mit denen sie sich entlasten. "Das sind alles bösartige Ausreden, denn vorher haben sie das Kind bewusst emotional abhängig gemacht und immer wieder manipuliert und dadurch kann sich das Kind gar nicht aus der emotionalen Gefangenschaft befreien. Die Täter nutzen das, um sich selber zu rechtfertigen und sich einzureden, dass das, was sie tun, in Ordnung wäre", erläutert die Kriminalpsychologin.

Oft gelingt es den Tätern, den Missbrauch gut zu verschleiern. Vor allem Partnerinnen bekommen davon in den meisten Fällen nichts mit. "Man traut einem Menschen, der einem nahesteht, natürlich solche Taten gar nicht zu. Und das, was die Partnerin dem Täter nicht zutraut, ist, was der Täter dann nutzt", erklärt Lydia Benecke.

Während manche Missbrauchstäter nur an sich denken und komplett gewissenlos sind, können andere Schuld zu empfinden. Sie erfinden Ausreden, mit dem sie ihr Gewissen ruhigstellen.