Miquela ist ein Instagram-Star

Das Millionen-Geschäft mit unechten Influencern

14. September 2020 - 15:10 Uhr

Fast 3 Millionen Follower

Sie ist 19 Jahre alt und führt ein Leben, von dem viele träumen. Miquela besitzt fast drei Millionen Follower, hat mehrere Songs veröffentlicht und sieht aus wie ein Top-Model. Das schlanke Mädchen ist jedoch eine Illusion, ein sogenannter Avatar – und ihre Erschaffer verdienen mit ihr Millionen.

"Robot-Influencer" als Geschäftsmodell

Die Werbebudgets für Social-Media-Werbung werden immer größer: Letztes Jahr haben Unternehmen rund 80 Milliarden Euro in Werbung auf sozialen Netzwerken investiert. Ein Teil dieses wachsenden Kuchens landet in den Kassen sogenannter "Influencer", die auf ihren Kanälen Produkte und Dienstleistungen bewerben. Viele Menschen folgen Influencern, weil sie lustig, inspirierend oder schlicht schön sind - die Werbung gibt es scheinbar beiläufig dazu. Kylie Jenner, 23-jähriges Mitglied des Kardashian-Clans, hat mit ihren Social-Media-Aktivitäten bereits hunderte Millionen Euro verdient.

Das Instagram-Profil der US-Amerikanerin hat jedenfalls die gleiche Zielgruppe wie das von Miquela. Dementsprechend ähnlich sieht das Profil mit dem Namen "lilmiquela" auch aus: Mal grinst das Gesicht einer 19-Jährigen mit Milkshake in der Hand und ausgestreckter Zunge in die Kamera. Dann fotografiert sie sich in High-Fashion-Klamotten im Spiegel. Und auf einigen Fotos blickt sie leicht bekleidet und mit verführerischem Blick in die Augen ihrer Follower.

Doch im Gegensatz zu Jenner ist sie kein richtiger Mensch, sondern das Produkt einer künstlichen Intelligenz. Die Website onbuy.com hat berechnet, dass ihre Erschaffer rund 6500 Euro umsetzen - pro Post. Bei 847 Posts kommt da eine stolze Summe zusammen. Das Team von onbuy.com prognostiziert den Machern einen Jahresumsatz von fast 9 Millionen Dollar.

Wie viel die virtuellen Väter wirklich mit ihrer "Robot-Influencer"-Tochter verdienen, verraten sie nicht. Dass ihre Idee sehr rentabel sein dürfte, liegt jedoch auf der Hand: Mithilfe ihrer Software haben sie eine Influencerin in die Welt gesetzt, die sie mit wenigen Klicks perfekt in jede erdenkliche Szene setzen können. Das Design ihrer Protagonistin tendiert dabei zu einem Mix aus schönheitsidealistischer Massentauglichkeit und kleinen Makeln wie einer Zahnlücke. Es ist ein Look, mit dem sich offenbar viele der 2,7 Millionen Follower identifizieren können: Das US-amerikanische "Time"-Magazin hat Miquela letztes Jahr zu einer der 25 einflussreichsten Personen im Internet gekürt.

Influencer-Roboter muss nicht glaubwürdig sein

Ihre Erschaffer, ein Technologie-Startup namens Brud, macht alles dafür, dass Miquela wie ein echter Mensch erscheint. Sie wirbt für Handtaschen von Nobel-Designern, macht Selfie-Videos aus ihrer Wohnung oder zeigt sich sonntags auch mal auf der Couch. Sie setzt sich für die Black-Lives-Matter-Bewegung ein und postet Fotos von ihr "hinter der Kamera" - liest man dazu ihre Bildunterschriften und scrollt etwas schneller durch ihr Profil, könnte man fast meinen: Das ist eine ganz normale Influencerin.

Nur das Wörtchen "Robot" in ihrer Selbstbeschreibung deutet darauf hin, dass ihre beiden eingedrehten Zöpfe - ihr Markenzeichen - nicht echt sind. Auf Videos hingegen erinnert sie eher an eine Videospiel-Figur, als an ein junges Mädchen.

In Interviews fragen Journalisten oder Marketing-Leute "echte" Influencer nach ihrem Erfolgsrezept. In ihren Antworten fallen dann oft Schlagworte wie "Realness" oder "Authentizität". Tatsächlich belegen Umfragen, dass Glaubwürdigkeit die wichtigste Eigenschaft eines erfolgreichen Instagram-Kanals ist.

Wie kommt dann die unechte Influencerin bei den Usern an? Ein Blick in die Kommentare zeigt: Viele honorieren die Kreativität ihrer Erschaffer, sind beeindruckt von den vielseitigen, stets perfekt belichteten Aufnahmen. "So etwas zu coden ist sehr anspruchsvoll", meint einer, andere beschreiben den Humanoid schlicht als "wunderschön." Experten bezweifeln jedoch, dass Miquela einer rein virtuellen Welt entstammt: Dazu seien die Details der Fotos zu perfekt. Einige Vermutungen legen nahe, dass sich echte Personen fotografieren lassen und das Bild erst am Bildschirm zu Miquela verwandelt wird.

Jugendschützer finden künstliche Influencer "nicht gut für Kinder"

Neben Instagram haben ihre Macher mittlerweile ein weiteres Geschäftsfeld erschlossen: Youtube. Dort sind ihre Videos ähnlich erfolgreich, mehr als 30 Millionen Mal wurden sie bereits angeschaut. Inhaltlich unterscheiden sich die Clips kaum von anderen "Lifestyle"-Youtubern. Miquela singt, berichtet in Videoblogs von ihren Gefühlen und nimmt an Challenges teil. Auch hier nutzen Unternehmen ihre Aufmerksamkeit für Produktplatzierungen und Werbespots.

"Mit Posts auf diesen beiden Kanälen kann man als Influencer am meisten Geld verdienen", sagt Erwin Lammenett der "Zeit". Er berät Unternehmen, die im Internet Werbung machen, und hat ein Buch darüber geschrieben, wie Firmen Influencer nutzen. Virtuelle Trendsetter wie Miquela sind für Unternehmen, die Werbung für ihre Produkte wollen, gut geeignet: "Einen künstlichen Influencer kann ich viel besser steuern als einen Menschen", erklärt der Fachmann und betont: "Wenn der lebendige Influencer etwas sagt, was mir nicht gefällt, kann ich als Firma nichts dagegen tun. Der Roboter-Influencer hat keine eigene Meinung."

Weil die künstlichen Figuren so gut ankommen, gibt es mittlerweile eine Vielzahl ähnlicher Profile. Darunter ist auch der Instagram-Kanal "noonoouri", der von deutschen Programmierern betrieben wird und schon über 360.000 Follower hat.

Wolfgang Kreißig findet das gefährlich. Er ist der Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz: "Es nicht gut für Kinder, wenn sie Roboter wie Miquela für echt halten, weil Kinder Influencern gerne vertrauen und sie oft als Vorbilder sehen", erklärt der Jugendschützer der "Zeit". Das sei vor allem dann besorgniserregend, wenn es um eher unrealistische Körperbilder oder das Senden von politischen Botschaften geht. Ob es aber tatsächlich negative Folgen hat, wenn Jugendliche und Kinder einem nicht-existierenden Menschen nacheifern, ist allerdings noch unbekannt. Fundierte Studien dazu gibt es nicht.