Eine Stadt in Aufruhr

Minneapolis nach dem Tod von George Floyd

02. Juni 2020 - 7:09 Uhr

von Oliver Beckmeier, Minneapolis

In den USA herrscht nach dem Tod von George Floyd der Ausnahmezustand. Eine Welle von Wut und Protesten hat das ganze Land erfasst. In vielen großen Städten herrscht nachts eine Ausgangssperre - Donald Trump hat mittlerweile angedroht, auch das Militär einzusetzen. In Minneapolis, wo der Afroamerikaner durch die Hände eines weißen Polizisten zu Tode kam, ist die Lage besonders angespannt. RTL-Korrespondent Oliver Beckmeier schildert die Situation vor Ort.

“Es ist wichtig, dass wir friedlich demonstrieren. Minneapolis steht nicht für Gewalt”

Es zischt, dann ein Knacken und das Glas zerbricht auf dem Bürgersteig. "Achtung!", ruft ein Mann, doch es wäre zu spät gewesen. Durch Zufall wird niemand getroffen. Das Glas gehört zu den Resten eines großen Wohnhauses, das während der Ausschreitungen in Brand gesteckt wurde. Mehr als ein Gerippe ist nicht geblieben. Wohnungen, Geschäfte, Existenzen - in Minuten vernichtet. "Es ist eine Schande, was hier passiert ist," sagt uns ein Anwohner. "Es ist wichtig, dass wir friedlich demonstrieren. Minneapolis steht nicht für Gewalt."

Zerstörtes Gebäude in Minneapolis, USA
Viele Gebäude in Minneapolis wurden bei den Protesten fast vollständig zerstört.
© RTL

Zwischen Wut und Verzweiflung

Doch genau dazu kommt es immer wieder. Als wir eine Demonstration vor einem Polizeirevier drehen, eskaliert die Lage: eine junge Frau geht zielstrebig auf die Polizisten zu, die in voller Kampf-Ausrüstung die Polizei-Station bewachen. "No Justice - no Peace!", schreit sie, also "Keine Gerechtigkeit - kein Frieden!" - einer der Slogans der Demonstranten. Ohne Vorwarnung sprühen ihr die Polizisten Pfefferspray ins Gesicht. Die junge Frau bricht auf der Straße zusammen und muss von anderen Demonstranten versorgt werden.

Im Video: Proteste in den USA eskalieren

"Der Tod von George Floyd war ein Verbrechen an der Menschlichkeit”

Etwa 10 Minuten mit dem Auto entfernt liegt der Ort, an dem alles seinen Ursprung hatte. Der Ort, an dem das grausame Video aufgenommen wurde und George Floyd die letzten Minuten seines Lebens verbrachte - auf dem Boden liegend, mit dem Knie eines weißen Polizisten im Nacken. "Es ist so ungerecht, so unwürdig, dass er so sterben musste," sagt uns eine ehemalige Arbeitskollegin des Toten." Er war so ein guter, höflicher Mensch." Die triste Straßenecke mit einem kleinen Einkaufsladen, einer Bushaltestelle und einer Tankstelle ist längst zu einer Gedenkstätte geworden. "Die Nachbarschaft hier hält zusammen", erzählen uns zwei ältere Frauen. "Ganz egal, ob Du schwarz oder weiß bist. Der Tod von George Floyd war ein Verbrechen an der Menschlichkeit."

Zerstörung in Minneapolis
Die letzten Worte von George Floyd, "I can't breathe", stehen auf der Wand eines zerstörten Gebäudes in Minneapolis, USA.
© RTL

Street Art für George Floyd: "Nun kann ich atmen"

Jemand hat ein großes Graffiti an eine Hauswand neben dem Einkaufsladen gemalt. Der Name "George Floyd" in Großbuchstaben, dazwischen ein Portrait von Floyd. Ein Meer aus Blumen, Briefen, Kerzen und Schildern liegt davor. "I can't breathe" - "Ich kann nicht atmen", hatte Floyd zu dem Polizisten gesagt. Immer wieder. Bis er nichts mehr sagen konnte, immer noch mit dem Knie des Polizisten im Nacken. Das Graffiti zeigt Floyd in einem schwarzen Pullover. "I can breath now", steht darauf." - "Nun kann ich atmen."