Millionen Europäer von Hunger bedroht: Nur eine 'Finanzkrise'?

Essensausgabe in Suppenküche (Archivbild)
Essensausgabe in Suppenküche (Archivbild)
© dpa, Peter Steffen

14. Oktober 2013 - 14:26 Uhr

"Schlimmste humanitäre Krise seit sechs Jahrzehnten"

'Europe in Crisis - Think Differently' (etwa: 'Europa in der Krise – Umdenken'), so heißt eine Kampagne der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) zur Schulden- und Finanzkrise in Europa. Und vielleicht ist ein Umdenken angesagt. Seit Jahren treffen sich Spitzenpolitiker zu verschiedensten Gipfeln und kommen zu dem Schluss 'Wir sind auf einem guten Weg, aber die Krise ist noch nicht vorbei'.

Dabei werden immer mehr Begriffe geprägt, die der Bürger mit der Krise verbindet. Rettungspaket, Sparpaket, ESM, EFSF und so weiter. Geld, das materiell gar nicht vorhanden ist, wird in einen 'Topf' geschmissen und durch 'Hebel' auf wundersame Weise vervielfacht, um 'Märkte' zu beruhigen und zu stabilisieren. Weder das Geld noch die Zusammenhänge sind für den, der von der Krise betroffen ist, wirklich zu greifen.

Greifbar werden diese Dinge durch die IFRC-Kampagne, wenn die Föderation mitteilt: Ohne Suppenküchen und Lebensmittelspenden müssten Millionen von Europäern als Folge der Finanzkrise Hunger leiden. Insgesamt können sich 43 Millionen Menschen in Europa nicht genug zu essen leisten. 120 Millionen sind einer IFRC-Studie zufolge armutsgefährdet. Das ist das Anderthalbfache der deutschen Bevölkerung.

Die sogenannte Schulden- und Finanzkrise ist mittlerweile eine humanitäre Krise, und zwar eine "der schlimmsten humanitären Krisen seit sechs Jahrzehnten", wie IFRC-Generalsekretär Bekele Geleta betont. Wenn man – fünf Jahre nach der Pleite der Lehman Brothers Bank – diese sechs Jahrzehnte zurückrechnet, dann landet man in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ungeachtet der wirtschaftlichen Erholung in einigen wenigen Ländern Europas seien anderswo auf dem Kontinent Millionen Menschen wegen der Folgen der Finanzkrise in Armut gefallen, so Geleta.

Weltweit leben 400 Millionen Kinder in extremer Armut

Geleta beruft sich auf Datenerhebungen von 42 Rotkreuz- und Halbmondgesellschaften. Demnach ist in den vergangenen drei Jahren die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittel von den Hilfsorganisationen bekommen, in 22 Ländern Europas um 75 Prozent gestiegen. Außerdem machen die Folgen der Krise es für Helfer immer schwieriger, Spenden für Bedürftige zu bekommen, so Francesco Rocca, Präsident des italienischen Roten Kreuzes.

Neben den Zahlen, die das IFRC veröffentlichte, machen noch andere Zahlen Angst und Sorgen. Einer neuen Studie der Weltbank zufolge leben weltweit rund 400 Millionen Kinder in extremer Armut. Rund ein Drittel aller Menschen müssen mit weniger als 1,25 US-Dollar (0,92 Euro) pro Tag auskommen. Der Weltbank-Präsident Jim Yong Kim sprach von einer "entsetzlichen Situation".

In einkommensschwachen Ländern liege der Anteil der Kinder in extremer Armut sogar bei der Hälfte. Für die meisten sei es derzeit unmöglich, sich im Laufe ihres Lebens aus der Lage zu befreien, so Jim Yong Kim. Ein wenig Hoffnung macht, dass die Zahl der sehr armen Menschen in den vergangenen drei Jahrzehnten insgesamt aber um 721 Millionen auf 1,2 Milliarden gesunken ist.

Die meisten Fortschritte habe es in Indien und China gegeben, während die Situation in Afrika weiter schlecht sei. Das Ziel seiner Organisation sei, den Anteil der extremen armen Menschen bis 2020 auf neun Prozent zu reduzieren. "Unsere Strategie ist kühn", sagte er.

Und wie sieht die Strategie in Europa aus? IFRC-Generalsekretär Geleta warnt: Man habe vollstes Verständnis für die notwendigen Sparmaßnahmen der Regierungen, aber "wir raten dringend von wahllosen und unüberlegten Kürzungen im Gesundheits- und Sozialsystem ab, denn das könnte auf lange Sicht hin wesentlich höhere Kosten haben".