Milliardärssohn Markus Würth entführt: Seine Stimme brachte "Dr. Hassan" auf die Anklagebank

11. September 2018 - 22:53 Uhr

Angeklagter wegen seiner Stimme überführt

Der Angeklagte im Prozess um die Entführung des behinderten Sohnes von Milliardär Reinhold Würth spricht leise und mit deutlichem Akzent. Er macht einige Angaben zu seiner Person, aber viel sagt der 48-Jährige nicht zu Beginn der Verhandlung vor dem Landgericht Gießen. Im Prozess wird seine Stimme noch eine wichtige Rolle spielen: Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage vor allem auf die Analyse des Telefon-Mitschnitts eines Mannes, der im Juni 2015 drei Millionen Euro Lösegeld für den Entführten forderte. Das war der Angeklagte – davon sind die Ermittler überzeugt.

Besonders bemerkenswert: Glücklicher Ausgang der Entführung

"Der Fall ist absolut außergewöhnlich", sagt der Sprecher der Gießener Staatsanwalt, Thomas Hauburger, nach dem kurzen ersten Verhandlungstag, an dem nur die Anklage verlesen und der Angeklagte zu seinen Personalien befragt wurde.

Zum einen, weil der Verdacht gegen den 48-Jährigen "primär" auf der Stimmanalyse fuße - das sei für die Justiz ein Novum. Zum anderen wegen des glücklichen Ausgangs der Entführung: Der damals 50 Jahre alte Markus Würth wurde zwar unterkühlt und durchnässt an einen Baum gekettet in einem Wald bei Würzburg gefunden, er war ansonsten aber unversehrt. "Wir kennen andere Entführungen, die oft verbunden sind mit massiver Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten. Das ist hier glücklicherweise nicht geschehen."

Staatsanwalt:"Wir können momentan nicht sicher sagen, ob es Mittäter gibt"

ARCHIV - 18.06.2015, Bayern, Kist: Reste von Absperrbändern der Polizei hängen in einem Wald bei Kist. In dem Waldstück wurde der entführte Sohn des Schrauben-Milliardärs Reinhold Würth gefunden. Mehr als drei Jahre nach der Tat kommt der Fall in Gie
In diesem Waldstück wurde der entführte Markus Würth gefunden.
© dpa, Karl-Josef Hildenbrand, kjh wst rho ade pil fie

Die Anklage wirft dem 48-Jährigen erpresserischen Menschenraub vor. Er habe die Würth-Entführung aus einer integrativen Wohngemeinschaft im osthessischen Schlitz zusammen mit Komplizen lange geplant und durchgeführt. Der oder die Mittäter sollen den aufgrund seiner Behinderung "vertrauensseligen" Mann mitgenommen haben. Als Motiv für die Tat vermuten die Ermittler Geldprobleme. "Wir können momentan nicht sicher sagen, ob es Mittäter gibt", erläutert Staatsanwalt Hauburger die Schwierigkeit des Falls.

Sicher sind sich die Ermittler nur, dass sie wissen, dass der Angeklagte die Kommunikation mit der Familie Würth geführt hat. Am Telefon soll er sich als "Dr. Hassan" gemeldet und vorgegeben haben, der Sohn liege im Krankenhaus. Dann habe er von der Entführung berichtet und drei Millionen Euro gefordert. Die Übergabe scheiterte kurz darauf allerdings, offenbar wegen Verzögerungen und unklarer "Übergabemodalitäten". Nach der Panne habe der Angeklagte verraten, wo der Entführte, versorgt mit einer Wasserflasche, ausharren musste.

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Noch offen, ob der Angeklagte aussagen wird

Die Stimme des Kidnappers analysierten unter anderem Wissenschaftler der Uni Marburg. Sie arbeiteten Besonderheiten etwa zur Herkunft des Sprechers heraus und wo dieser Deutsch gelernt haben könnte. Aus Sicht der Ermittler passen die Erkenntnisse zu dem aus Serbien stammenden Angeklagten, der vor seiner Festnahme in Offenbach lebte. Der entscheidende Hinweis auf den Angeklagten kam am Ende von einer Zeugin, die sich den Telefonmitschnitt bei einer Polizei-Hotline angehört hatte.

Nach seiner Festnahme im März bestritt der Angeklagte die Tat. Ob er vor Gericht aussagen wird, ist der Verteidigung zufolge noch nicht entschieden. Der Prozess läuft – die Suche nach möglichen Komplizen ebenfalls.