Bleibende Gesundheitsschäden auch nach mildem Verlauf?

"Milchglasmuster": Corona-Spätfolgen alarmieren Ärzte

Ärzte sind besorgt: Heilen die Lungenschäden durch Covid-19 ab - oder bleiben sie?
© iStockphoto, Andrey Shevchuk

29. Juli 2020 - 11:47 Uhr

Trotz mildem Verlauf: Patientenlungen weisen „Milchglasmuster“ auf

Torsten Blum ist Oberarzt in der Berliner Lungenklinik Heckeshorn im Helios Klinikum Emil von Behring und hat zahlreiche Patienten mit anhaltender Luftnot betreut. Ihr gemeinsamer Nenner: Eine überstandene Corona-Erkrankungen, die nicht schwer verlaufen war. Doch trotzdem zeigen sich auch nach Monaten sogenannte "Milchglasmuster" in den Lungen der Patienten. Für Torsten Blum lautet die entscheidende Frage: Sind das Lungenschäden, die noch abheilen - oder bleiben sie?

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Wie viele "genesene" Patienten werden auch wieder fit?

"Genesen" steht in vielen deutschen Corona-Statistiken in den Fallzahl-Tabellen. Doch heißt das auch wieder fit? Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hat daran Zweifel. Bilder aus dem Computertomographen zeigten, dass viele Patienten mehr oder weniger starke Lungenschäden aufwiesen, heißt es. Die Uniklinik Augsburg veröffentlichte vor kurzem Bilder nach Obduktionen. Die Lungen mancher Corona-Opfer sahen erschreckend aus - löchrig wie ein Schwamm. Die Augsburger Ärzte kamen zu dem Schluss, dass diese Schäden nicht durch die Beatmung, sondern am ehesten direkt durch das Virus entstanden waren. Was heißt das für die Lebenden?

"Es wird vermutet, dass es Spätfolgen geben kann", sagt Blum. "Insbesondere im Bereich der Lunge." Dabei gehe es nicht allein um Covid-Patienten, die lange Zeit an Beatmungsgeräten lagen. "Da wissen wir, dass es Narben im Bereich der Lunge geben kann." Wesentliche Fragen beträfen insbesondere die leichteren Fälle. Menschen, die nicht ins Krankenhaus mussten. "Möglicherweise kann dieses neue Coronavirus auch bei ihnen länger anhaltende oder gar dauerhafte Folgeschäden in der Lunge auslösen", sagt Blum. Konkret heißt das: Luftnot - vor allem bei Anstrengung.

Video: Oli Pocher leidet noch unter Corona-Spätfolgen

Auch Comedian Oli Pocher ist einer derjenigen, die eine Corona-Infektion überstanden und trotz abgeklungener Infektion immer noch mit Symptomen zu kämpfen haben. Schon im April hatte er befürchtet, Langzeitschäden davongetragen zu haben. Wie er mit den Folgen seiner Infektion zurecht kommt - das erzählt er im Video.

Folgeschäden auch bei fitten, jungen Patienten ohne Vorerkrankung

Ein weiteres Beispiel solcher Langzeitschäden: Corona-Patient Dimitri Boulgakov. Er gehört zu jenen, bei denen die Krankheit auch mehr als zwei Monate nach dem Ausbruch noch nicht ausgestanden ist. Beim Treppensteigen oder Fußballspielen mit seinen Söhnen gerät er außer Puste. Und das, obwohl Risikofaktoren wie Vorerkrankungen, Übergewicht, Rauchen und hohes Alter nicht auf ihn zutreffen. Boulgakov ist Mitte 40 und durchtrainiert. Früher tanzte er am Moskauer Bolschoi-Theater, später für das Berliner Staatsballett - das heißt mehr als zwei Jahrzehnte Leistungssport. Geraucht hat er nie.

Doch Ende April fühlte er sich plötzlich schlapp und bekam hohes Fieber. Auf Anraten von Ärzten machte er am 4. Mai einen Corona-Test: positiv. Das Gesundheitsamt habe ihm dann geraten: "Nehmen Sie Paracetamol oder rufen Sie einen Krankenwagen." Er fühlte sich allein gelassen. Ab wann ist Corona so gefährlich, dass man den Rettungswagen rufen muss? "Das Schlimmste waren die Nächte", erinnert er sich. Schmerzen, Alpträume, Zukunftsängste: Die Söhne erst fünf und sechs Jahre alt, der Kredit für die Wohnung, seine Frau Freiberuflerin. Wie soll das gehen, wenn er stirbt? Boulgakov rief keinen Krankenwagen. Das Fieber sank, doch er fühlte sich extrem schlapp, wochenlang.

Wie lange bleiben die "Milchglasmuster" in der Lunge?

Wenn sich Blum mehr als zwei Monate später eine Computertomographie von Boulgakovs Lungen anschaut, sieht er viele gesunde Abschnitte, aber eingestreut auch krankhafte Veränderungen des Gewebes. Milchglasmuster nennen Ärzte diese weißen Einsprengsel, es sind entzündliche Stellen. Daraus könnten später Narben werden. Für eine Prognose sei es zu früh, fasst der Arzt zusammen. Der nächste Termin ist in drei Monaten. Boulgakov berichtet, dass es ihm schon sehr viel besser gehe. "Aber es ist noch nicht so wie früher."

Systemerkrankung Covid-19: Jede Zelle des Körpers kann befallen werden

"Dieses Virus kann zum Beispiel auch Herzmuskel, Darm, Niere, Gefäßinnenhäute und das Nervensystem schädigen", zählt er Blum auf. Wie häufig und in welchem Ausmaß? Große Fragezeichen. Eine britische Studie beschrieb Ende Juni im Fachblatt "The Lancet Psychiatry" 153 Schicksale - ohne Anspruch auf Repräsentativität. Alle Patienten entwickelten als schwere Fälle in Kliniken im Zusammenhang mit Covid-19 Komplikationen. Darunter waren Schlaganfälle, aber auch Gehirnentzündungen und sogar Psychosen.

+++ Corona-Langzeitschäden: So gefährlich ist das Virus auch nach der Genesung +++

Auch Patienten in Deutschland, die zunächst nicht schwer erkrankt schienen, erlitten Herzinfarkte, Schlaganfälle, Lungenembolien oder Beinvenenthrombosen, berichtet Clemens Wendtner, Chefarzt der Klinik für Infektiologie an der München Klinik Schwabing. Die Zahl der Betroffenen sei gering. Sie liege deutlich unter zehn Prozent der Patienten in der Klinik - und damit etwas unter einem Prozent aller registrierten Infizierten. Es bestehe aber das Risiko, dass es Spätfolgen gebe, urteilt auch Wendtner. "Ein Teil der Patienten wird langfristig Probleme entwickeln. Ich denke schon, dass wir hier sekundär durch Covid-19 auch neue Krankheitsbilder generieren." Das Coronavirus könne eben nicht nur die Lunge, sondern letztlich jede Zelle des Körpers befallen, ergänzt Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. "Unzweifelhaft ist Covid 19 eine Systemerkrankung."

Quelle: DPA/RTL

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