Merkwürdige Zufälle: Die dubiosen NSU-Staatsschützer

NUS-Prozess: Hauptangeklagte Zschäpe
NUS-Prozess: Hauptangeklagte Zschäpe
© dpa, Peter Kneffel

30. März 2015 - 13:29 Uhr

Besonders merkwürdig: Mord Nummer Neun

Aus der Menge der feigen NSU-Morde sticht einer immer wieder heraus, und zwar der neunte Mord - an dem Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat im April 2006 in Kassel. Es ergeben sich immer mehr Ungereimtheiten, aus denen immer mehr Zweifel erwachsen. Zweifel an den Aussagen der Beteiligten, der Zeugen, der Ermittler, Zweifel an den Behörden, an der Glaubwürdigkeit des damaligen hessischen Innenministers Volker Bouffier (CDU), Zweifel am hessischen Verfassungsschutz. Und vor allem Zweifel, ob von staatlicher Seite eine Aufklärung der NSU-Mordserie über das Maß des Bekanntgewordenen gewünscht ist.

Denn im NSU-Prozess in München geht es ja bekanntlich ausschließlich um die Schuld oder Nichtschuld der Angeklagten, nicht um mögliche Verbindungen der NSU-Zelle zu staatlichen Behörden, nicht darum, ob die Zelle aus mehr Leuten bestand als Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt. Es geht nicht um mögliche Vertuschungen seitens des Verfassungsschutzes, und auch nicht darum, wie der NSU solange unentdeckt agieren konnte.

In der hessischen Neonazi-Szene gab es zurzeit des Mordes an Yozgat einen V-Mann, Benjamin G., um den sich der Beamte Andreas T. zu kümmern hatte. Wie am Donnerstag im Innenausschuss des Wiesbadener Landtags bekannt wurde, entschied Hessens Verfassungsschutzchef, Benjamin G. einen Rechtsbeistand zur Seite stellen – und zwar im November 2011. Über fünf Jahre nach dem Mord, aber genau zu dem Zeitpunkt, als der NSU aufflog und deren Verwicklung in die Morde (bis dahin noch als 'Döner-Morde' bezeichnet) bundesweit bekannt wurde. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) konnte keine Erklärung für diese zeitliche Koinzidenz geben. Eine Ungereimtheit, ein Zufall? Wenn, dann ein sehr merkwürdiger und nicht der erste.

Zuvor hatte sich schon das Verhalten des V-Mann-Führers Andreas T. als ein wenig eigenartig oder auch äußerst dubios herausgestellt. Vor der Tat hatte dieser mit Benjamin G. telefoniert. Außerdem befand sich T. kurz vor oder möglicherweise sogar während des Mordes in dem Internetcafé.

Neue Informationen aus dem hessischen Innenministerium

Umstände, die bereits länger bekannt und merkwürdig genug sind, genauer hinzusehen, wie denn eigentlich die Beziehung zwischen Verfassungsschutz und rechten V-Männern ist. Ganz zu schweigen von verschiedenen Aussagen und Handlungen des Beamten rund um den Tag des Mordes. Er habe von dem Mord nichts mitbekommen, er habe nicht mit Benjamin G. telefoniert. Dass er am Tatort war, behielt er zwei Wochen für sich, redete erst, als die Polizei ihn verhaftete. Die hatte die Computer in Yozgats Café untersucht und herausgefunden, dass T. bei einer Kontaktwebsite eingeloggt war, zur Zeit der Tat. Nach wenigen Stunden kam der Beamte frei, trotz belastender Indizien.

Einige Wochen vor der Tat hatte T.'s Vorgesetzte eine E-Mail an ihre Mitarbeiter geschrieben (darunter auch Andreas T.), in der sie auf die Mordserie an Ausländern aufmerksam macht. Das BKA hatte sich an den Verfassungsschutz gewandt und um Hilfe gebeten. Sie erwähnte die überregionale Dimension, die jeweils identische Tatwaffe, und bittet ihre Mitarbeiter, sich bei V-Männern umzuhören. Andreas T. traf sich einige Tage später mit seinem V-Mann Benjamin G., worüber sie redeten, ist dokumentiert, aber unter Verschluss.

Am 2. März dieses Jahres sagte der Journalist und Autor Dirk Laabs vor dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss aus, der tags zuvor einige der eben genannten Merkwürdigkeiten und Zufälle in der 'Welt am Sonntag' zusammen mit Stefan Aust und Per Hinrichs enthüllt hatte. Die drei Autoren stützen sich dabei auf jetzt öffentlich gewordene Informationen aus Vermerken und Akten aus dem hessischen Innenministerium. Diese legen nahe, dass Andreas T. und wohl auch der hessische Verfassungsschutz wussten, was in Yozgats Café passieren sollten.

Der Umstand, dass der hessische Verfassungsschutz seinem V-Mann Benjamin G. parallel zu dem Auffliegen der NSU-Zelle einen Rechtsbeistand zur Seite stellen, lässt noch Schlimmeres befürchten, nämlich dass zumindest eine bundesdeutsche Behörde – der hessische Verfassungsschutz – genau wusste, welche unglaubliche und verfassungsfeindliche Mordserie hinter den feigen Taten steckte.