Menschenrettung hautnah: "Viele Flüchtlinge sind dem Tod näher als dem Leben"

Menschen in Boote gestapelt

Seit Ende Juni ist die Fregatte ‘Schleswig-Holstein‘ Teil einer EU-Mission, die Flüchtlinge im Mittelmeer retten und Schleuser bekämpfen soll. Für die Soldaten ein ungewöhnlicher und nervenaufreibender Einsatz, der sie nicht selten an ihre Grenzen bringt. RTL-Reporterin Svenja Kleinschmidt war mit ihrem Team an Bord der Fregatte und berichtet exklusiv vom Alltag der Flüchtlingsretter:

Menschenrettung hautnah: "Viele Flüchtlinge sind dem Tod näher als dem Leben"
Endlich gerettet: Kinder auf der Fregatte 'Schleswqig Holstein'

Nach fünf Minuten auf der "Schanz", wie die Soldaten den engen Raum im Heck unter Deck nennen, fängt sich alles an zu drehen. Bei über 40 Grad Hitze sind meine Hose und mein T-Shirt unter dem Schutzanzug aus Plastik komplett durchgeschwitzt, durch den Mundschutz bekomme ich kaum Luft, um mich herum ein Gewusel aus Soldaten und immer mehr Flüchtlingen, die durch die Luke aus dem Rettungsboot aufs Schiff gezogen werden. Ich nehme die Maske von meinem Gesicht, atme durch, die Soldaten hier müssen zwölf Stunden und mehr lang unter diesen Bedingungen arbeiten.

Wer hinschaut, erkennt die Choreografie in der Hektik: "Hands up", Arme hoch, jeder Flüchtling wird nach Waffen durchsucht, muss Geldbörse, Handy und Zigaretten in einen Plastikbeutel packen, weil es Streit darum geben könnte an Bord. Alles wird nummeriert, jeder Flüchtling registriert. Wenn sie die steile Leiter auf das Flugdeck steigen, trägt jeder ein lila Bändchen ums Handgelenk. Deutsche Ordnung im Flüchtlingschaos.

Morgens um halb zehn, 40 nautische Meilen nordwestlich von Tripolis, dröhnt die blecherne Durchsage durch die Lautsprecher des Kriegsschiffs: Ein Holzboot in Seenot. Die 'Schleswig-Holstein' soll die INGP retten, in Not geratene Personen, wie die Bundeswehr sie abkürzt. Der Befehl kommt vom italienischen Kommandeur der EU-Mission, dessen Teil die deutsche Fregatte ist.

Mit zwei Schnellbooten fährt das Bordeinsatzteam mit einem Übersetzer zu den Migranten. "Ruhe bewahren, wir helfen euch", das ruft der Soldat ihnen zu, damit die Flüchtlinge nicht panisch werden. Es ist schon vorgekommen, dass sie ihr Schlauchboot zerstechen, aus Angst, doch nicht gerettet zu werden. Die Soldaten mussten dann eilig Dutzende Flüchtlinge, die nicht schwimmen konnten, aus den Wellen fischen. Es ist auch ein heikler Moment für die Soldaten, sie könnten mit ins Wasser gerissen, aus schierer Panik von Flüchtlingen attackiert werden.

Frauen und Kinder dürfen die Boote der Schlepper zuerst verlassen. Es ist ruhige See, die Rettung ist heute vergleichsweise einfach, vor allem, weil die Flüchtlinge erst sechs Stunden auf See waren. Die Soldaten erzählen von wesentlich dramatischeren Szenen: In drei, manchmal gar vier Ebenen werden die Flüchtlinge in den Booten schier gestapelt, wer ganz unten ist, liegt in einer Mischung aus Benzin und Fäkalien. Viele Flüchtlinge sind dem Tod näher als dem Leben, die Soldaten heben bewusstlose Körper auf ihr Schnellboot.

Auch für die Soldaten ist es 'learning by doing“

Auf dem Flugdeck liegen die Flüchtlinge so dicht beinander, dass ihre Glieder wie verknotet wirken. Vernarbte Gesichter, eingefallene Wangen, große Kinderaugen. Schreien, Weinen, erschöpfte Stille, Gerüche: All das prallt auf die Soldaten ein, die meisten von ihnen wurden noch nie mit derartigem Leid von Flüchtlingen konfrontiert. "Ich weine, natürlich, und dafür muss man sich nicht schämen", sagt Lars L., der für die Koordination auf dem Flugdeck verantwortlich ist. "Das alles werden wir erst wirklich Zuhause verarbeiten können, da kommen dann all die Bilder wieder hoch." Eine Psychologin ist derzeit mit an Bord, nach jedem Einsatz gibt es eine Ruhezone, in der sich nur die Soldaten aufhalten dürfen, die mitten unter den Flüchtlingen waren. Dort entladen sie all ihren Stress, Trauer und auch manchmal Wut.

Wirklich darauf vorbereitet werden konnten sie nicht, bei der ersten Rettung wurde viel improvisiert, seitdem sei es 'learning by doing', wie die meisten Soldaten den Ablauf der Rettungsaktion beschreiben. Ein Einsatz der Bundeswehr, wie es ihn noch nie gab: Die Soldaten militärisch ausgebildet, nun humanitär unterwegs. Viele schlüpfen in neue Rollen, der Antriebstechniker Charlie M. half vor vier Wochen dem Arzt dabei, ein Baby an Bord zur Welt zu bringen. Die erste Geburt auf einem deutschen Kriegsschiff. "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", lacht M., "auch für mich war das die erste Geburt. Die somalische Mutter fand unsere Namensidee Sophia gut, angelehnt an das Vorgängerschiff ‘Sophie‘.“

Mittlerweile sind so viele Flüchtlinge an Bord, dass sie zum ersten Mal auf dem Schiff auch über eine Leiter auf das obere Deck gebracht werden, wo gestern Nacht noch Soldaten standen und rauchten. Mit meinen übergroßen Schutzstiefeln steige ich vorsichtig über die Menschen, anders kann sich niemand mehr an Deck bewegen. Die meisten lächeln mich an, teils schüchtern, teils neugierig. Eine junge Frau aus Eritrea gestikuliert, meine blauen Augen will sie sich aus der Nähe anschauen. Innerhalb von Minuten bin ich von einer Horde Kindern umringt, sie beißen ins gelbe Mikrofon, kichern, schauen auf den Bildschirm der Kamera, sehen sich das erste Mal auf Film gebannt.

Eindrücke, die ich nicht vergessen werde. In der Nacht werde ich wach, weil ich auf meinem schmalen Bett, von Soldaten Bock genannt, hin und her rolle. Die Wellen sind hoch, ich denke an die Flüchtlinge oben an Deck, ihre Papierdecken, in die sie sich gehüllt haben, werden von Sturm und Regen weggefegt. Die meisten müssen sich übergeben, waren vorher noch nie auf See.

Der Schiffsarzt ist mit seinem Team im Dauereinsatz. Seekrankheit, das ist noch das Harmloseste, was er hier erlebt: "Man sieht schwere Knochenbrüche, mit denen die Menschen durch die Wüste geflüchtet sind, offene Schusswunden, Folterverletzungen, Kinder, die von Krätze schier zerfressen sind", sagt Martin S., der Schiffsarzt. Er untersucht eine junge Frau mit einem kleinen mobilen Ultraschallgerät, sie ist im neunten Monat schwanger, ihr Kind könnte jederzeit zur Welt kommen.

Am nächsten Tag gehen die Flüchtlinge in Palermo von Bord. Zwölf Stunden lang säubern dann Soldaten das Schiff, in kiloschweren Schutzanzügen, mit giftigen Chemikalien zur Desinfektion. Abends sitze ich mit den Soldaten dort, wo vorher noch die Flüchtlinge lagen. Sie sind erschöpft, aber stolz. Immer wieder höre ich diesen Satz: “Natürlich ist der Einsatz richtig, wir müssen die Menschen retten, auch wenn das vielleicht das Geschäft der Schlepper ankurbelt. Aber die Flüchtlinge ertrinken lassen ist keine Option.“