Mehr Kindergeld = mehr Zigaretten und Alkohol? Studie räumt mit Vorurteil über einkommensschwache Eltern auf

21. November 2018 - 11:54 Uhr

Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Das Geld kommt bei den Kindern an

Einkommensschwächere Eltern hauen ihr Geld für Tabak, Alkohol und möglichst große Flachbildfernseher raus, statt es für ihre Kinder auszugeben - mit diesem Vorurteil macht eine Studie der Bertelsmann-Stiftung Schluss. Das Gegenteil ist der Fall.

"Fast Food ist leider günstiger als Obst und Gemüse"

Jessica Laue steht vor einem Dilemma. Sie möchte, dass ihre Kinder Obst und Gemüse essen. Doch das kann sie sich nicht leisten - für die Hartz-IV-Empfängerin sind die gesunden Lebensmittel aus dem Supermarkt schlicht zu teuer. Deshalb hat sie eine andere Lösung gefunden: "Ich gehe zur Tafel einkaufen, da bekomme ich viel Obst und Gemüse, in der Kaufhalle müsste ich Fast-Food kaufen. Das ist leider günstiger. So können wir dann auch mal in den Tierpark fahren", sagt sie RTL.

So wie Laue geht es vielen armen Eltern. Dennoch müssen sie immer noch mit dem Vorurteil kämpfen, dass direkte Leistungen für Familien wie Kindergeld oder Landeserziehungsgeld direkt in Zigaretten und Alkohol fließen - stimmt aber nicht, wie die Bertelsmann-Stiftung mitteilt. Im Auftrag der Stiftung hat das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mit einer Befragung untersucht, wie sich Kindergeld und das in einigen Bundesländern ausgezahlte Landeserziehungsgeld auf das Ausgabeverhalten von Familien auswirken. Dabei haben die Forscher den Zeitraum von 1984 bis 2016 untersucht.​

"Direkte finanzielle Leistungen für Familien sind sinnvoller als aufwendig zu beantragende Sachleistungen"

So gaben bei einer fiktiven Erhöhung des Kindergeldes um 100 Euro die Familien 14 Euro mehr für die Miete aus, um mehr Wohnfläche zu haben. Ein Anstieg beim Zigarettenkonsum ist seit 2008 nicht mehr nachweisbar. Auch habe die Höhe des Kindergeldes keinen Einfluss auf den Alkoholkonsum. Dank höheren Kindergeldes steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder in einer Kita betreut werden. Auch steigt der Anteil der Kinder, die an Musikerziehung oder am Turnen teilnehmen. Zudem hat die Analyse des ZEW ergeben, dass die Eltern aufgrund des Kindergeldes nicht ihre Arbeitszeit reduzieren.

"Direkte finanzielle Leistungen für Familien sind sinnvoller als aufwendig zu beantragende Sachleistungen. Das Geld kommt den Kindern zu Gute und wird nicht von den Eltern für ihre eigenen Interessen ausgegeben", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Bei zweckgebundenen Sach- und Geldleistungen wie beim Bildungs- und Teilhabepaket würden laut Stiftung rund 30 Prozent der Mittel für den Verwaltungsaufwand verbraucht. Dräger fordert daher eine Beweislastumkehr: "Eltern sollten nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Der Staat sollte den Eltern vertrauen und Entmündigung sollte nicht zur Regel werden."

Stiftung fordert Ablösung des Systems

Die Stiftung fordert beim Kampf gegen Kinderarmut in Deutschland die Ablösung des bisherigen Systems. Mit einem neuen Teilhabegeld sollen bisherige staatliche Maßnahmen wie das Kindergeld, Teile des Bildungs- und Teilhabepakets, der Kinderzuschlag und Zahlungen über die Sozialhilfe gebündelt werden. Berechtigt wären nach diesem Vorschlag alle Kinder. Allerdings soll das Teilhabegeld mit dem steigenden Einkommen der Eltern abgeschmolzen werden. "Anders als das Kindergeld erreicht es so gezielt arme Kinder und Jugendliche", so Dräger.