30. März 2015 - 10:54 Uhr

Hexenkessel von Tiflis, kaukasische Hölle, Paradies für Flitzer – das EM-Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Georgien hatte alles, was das aufgeregte Fußballerherz begehrt. Fast alles. Denn beim 2:0-Sieg der DFB-Elf legte einmal mehr die magere Torausbeute des Weltmeisters einen kleinen Schatten auf die Partie im Boris Paichadze Stadion.

Das Motto in Tiflis: Freie Bahn für Flitzer.
Ein weiterer Flitzer versucht sein zweifelhaftes Glück.
© dpa, Arne Dedert

"Wir mussten das Spiel unbedingt gewinnen, das war klar. Mit der ersten Halbzeit bin ich zufrieden. Danach haben wir das Ergebnis ein bisschen verwaltet und viele Chancen liegen lassen. Was klar zu sehen ist, wir haben zu wenig Tore erzielt. Im Herbst stehen wir vor der entscheidenden Phase", mahnte Bundestrainer Joachim Löw sodann – auch angesichts der Tatsache, dass Schottland sich am 5. Spieltag der Gruppe D durch ein 6:1 gegen Gibraltar an Deutschland vorbei auf Platz 2 geschoben hat.

Schon beim 4:0 gegen Gibraltar hatte sich die DFB-Elf den Luxus mangelhafter Chancenauswertung geleistet. In Georgien klebte Marco Reus, Torschütze zum 1:0 (39.) und von 35 % der RTL-INSIDE-User zum Besten Mann der Partie gewählt, den Ball zusätzlich zwar zweimal an die Latte. Doch gegen einen Gegner wie Georgien, der auf Platz 126 der FIFA-Rangliste steht, muss im Grunde mehr herauskommen. "Georgien ist nicht der Maßstab, aber wir hatten etwas nachzuholen, nach den Ergebnissen, die nicht so gut waren", ordnete Welttorhüter Manuel Neuer den Pflichtsieg ein.

Positiv war zumindest, dass es im deutschen Team keine einzige Schwachstelle gab – im Gegenteil. Vor allem in der ersten Halbzeit versprühte die Löw-Elf enorm viel Spielfreude. Allen voran Reus und Mario Götze ergänzten sich phasenweise wie zu guten alten Dortmunder Zeiten. Mesut Özil hatte sein Phlegma schon bei der Einreise abgelegt, Jerome Boateng spielte abgebrüht wie ein 3-Sterne-Koch – um nur ein paar Spieler hervorzuheben, die stellvertretend für den souveränen Auftritt des Weltmeister stehen.

Flitzer-Attacken "extrem störend"

Weniger souverän hingegen war der Auftritt der zahlreichen Ordner im Rund, die dem Flitzeralarm im georgischen Nationalstadion partout nicht Herr werden konnten. Allein während des Spiels fanden fünf Rennsemmel den illegalen Weg auf den Platz, nach der Begegnung kam noch einer hinzu. Und schon beim Abschlusstraining hatte sich ein Flitzer eingeschlichen. "Das passiert immer mal, aber es waren zu viele. Es stört auch die Spieler und ist manchmal nicht ganz ungefährlich. Das wünscht man sich normalerweise nicht", äußerte Löw seinen Unmut darüber nach der Partie.

Auch Mats Hummels war schlicht genervt. "Ich kann dem Flitzertum gar nichts abgewinnen und empfinde es als extrem störend. Ich kann nicht nachvollziehen, wenn da jemand sein Trikot hergibt oder denjenigen umarmt, das motiviert die Leute nur. Am besten straft man sie mit Nichtachtung", sagte der Innenverteidiger. Zu Recht, denn wer auf seiner Dienstreise nur zwei Tore und insgesamt sieben Flitzer sehen muss, kann das nicht schönreden.

Oder doch? "Die Fans hier in Tiflis waren völlig euphorisch. Hinten raus ist es mir mit den Flitzern etwas zu oft passiert. Aber die waren ja gut drauf, die Jungs", konnte zumindest der Schütze zum 2:0, Thomas Müller, dem Theater etwas abgewinnen. Aber dass Müller die Dinge des Lebens grundsätzlich locker sieht, dürfte mindestens so bekannt sein wie seit gestern das Flitzerparadies Tiflis.