Mehr als ein Drittel mit Migrationshintergrund arbeitslos

© dpa, Julian Stratenschulte

22. November 2013 - 15:07 Uhr

"Kernproblematik ist fehlende Qualifikation"

Über ein Drittel der Arbeitslosen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. In Baden-Württemberg ist es sogar mehr als jeder Zweite. Das besagt eine Erhebung der Arbeitsagentur, die nach Angaben der Behörde mit Stand März erstmals bundesweit untersuchte, wie groß der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in der Arbeitslosenstatistik ist. Die in Hannover vorgelegte Statistik zeigt, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln besonders oft keine Arbeit finden. Die Erhebung dürfte die Integrationsdebatte wieder anheizen.

2,3 Millionen Arbeitslose und damit 83 Prozent von ihnen machten Angaben zu ihrem Migrationsstatus. Davon hatten 791.000 einen Migrationshintergrund, was 34 Prozent entspricht. Laut Definition ist ein Migrationshintergrund gegeben, wenn jemand keinen deutschen Pass besitzt - also Ausländer ist - oder im Ausland geboren wurde oder mindestens ein Elternteil von dort stammt. Auch die Spätaussiedler zählen dazu, nicht aber die Vertriebenen.

Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung lag im Jahr 2011 - aktuellere Daten liegen noch nicht vor - bei 20 Prozent. Somit sind sie von Arbeitslosigkeit deutlich häufiger betroffen als Menschen mit ausschließlich deutschen Wurzeln.

"Die Kernproblematik ist eindeutig fehlende Qualifikation", sagte der Chef der niedersächsischen Regionaldirektion, Klaus Stietenroth. Es mangele oft an Abschlüssen und Sprachkenntnissen. Auch Qualifikationen, die Deutschland nicht anerkenne und nicht zuletzt auch Diskriminierung - etwa bei eindeutig ausländischen Namen - seien ein Problem. Tests mit anonymisierten Bewerbungen hätten diese Ungerechtigkeit belegt.

Extreme regionale Unterschiede in Deutschland

In Westdeutschland ist der Anteil der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund an allen Arbeitslosen (42 Prozent) weitaus höher als im Osten mit 17 Prozent. Dabei reichen die Anteile von acht Prozent in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern bis zu 51 Prozent in Baden-Württemberg. Auch in Hessen und Hamburg (beide 49), Bremen (46) und NRW (45) sind die Werte sehr hoch. Rechnet man in Ostdeutschland Berlin (43) heraus, dann beträgt der Anteil Arbeitsloser mit Migrationshintergrund nur noch neun Prozent.

Die großen Differenzen haben natürlich auch damit zu tun, dass die Bundesrepublik allein in Zeiten des Wirtschaftswunders ab Mitte der 1950er Jahre 2,6 Millionen ausländische Arbeitnehmer ins Land holte, die oft ihre Familien mitbrachten oder nachholten – und dauerhaft im Land blieben. In der DDR waren dagegen 1989 lediglich 94.000 sogenannte Vertragsarbeitnehmer ansässig, zwei Drittel waren vietnamesischer Herkunft.

Vieles spricht dafür, dass der hohe Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an den Arbeitslosen vor allem eine Folge fehlender (formaler und in Deutschland anerkannter) Qualifikationen ist. Von den Arbeitslosen ohne Migrationshintergrund hatte fast ein Drittel keine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei den Arbeitslosen mit Migrationshintergrund reicht dieser Anteil von 46 Prozent bei im Bundesgebiet geborenen Deutschen mit mindestens einem zugewanderten Elternteil bis hin zu 79 Prozent bei arbeitslosen Ausländern mit eigener Migrationserfahrung.

Insgesamt haben mehr als zwei Drittel der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund keinen formalen Berufsabschluss. Den altersbezogen größten Anteil der Arbeitslosen mit Migrationshintergrund machten die 35- bis unter 45-Jährigen aus (27 Prozent).