Für und Wider des Mega-Transfers

Coutinho: Fluch oder Segen für die Bayern?

21. August 2019 - 16:08 Uhr

Coutinho bringt alles mit - oder nicht?

Die Fans mussten lange warten. Doch jetzt hat der FC Bayern endlich seinen lang ersehnten Königstransfer unter Dach und Fach gebracht. Superstar Philippe Coutinho kann mit seinen Fähigkeiten der neue Strippenzieher im Bayern-Spiel werden und in die Fußstapfen von Franck Ribéry und Arjen Robben treten. An dem kleinen Brasilianer gibt es allerdings auch große Zweifel.

Pro Coutinho: Bei Liverpool Weltklasse

Dass der 27-Jährige ein absoluter Top-Mann ist, stellte er unlängst unter Beweis. Coutinho kommt als frischgebackener Copa-América-Sieger nach München, spielte für Brasilien ein gutes Turnier. Sein Stern ging aber schon viel früher beim FC Liverpool auf. Bei den "Reds" verzauberte er zwischen 2013 und 2018 die treuen Liverpool-Fans an der legendären Anfield Road.

201 Spiele bestritt er im Liverpool-Trikot und kam dort auf 99 Torbeteiligungen (54 Tore, 45 Vorlagen). Coutinho war also fast in jedem zweiten Spiel an einem Treffer beteiligt. Unter Jürgen Klopp, der im Herbst 2015 als Liverpool-Coach übernahm, spielte er seine beste Saison. Wenig später holte ihn Barcelona für 145 Millionen Euro. "Coutinho ist ein Weltklasse-Spieler, der im richtigen Umfeld seine Leistung bringt", lobte Klopp.

Coutinhos Vorteil: Ob als Spielmacher oder auf dem linken Flügel - der kleine Wirbelwind ist flexibel einsetzbar. Zu Liverpooler Glanzzeiten zog der Brasilianer von links unnachahmlich in die Mitte und schloss dann aus rund 20 Metern mit seinem starken rechten Fuß ab - dank seiner guten Schusstechnik meistens erfolgreich. Im Bayern-Spiel soll er für die kreativen Momente zuständig sein und Lewandowski, Müller & Co. mit tödlichen Pässen bedienen. All das, was er in Barcelona im Schatten von Superstar Lionel Messi nicht machen konnte.

Bei dem Deal gehen die Bayern kein Risiko ein. Die Leihgebühr von 8,5 Millionen Euro sei "ein Freundschaftspreis", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Durch die einjährige Leihe können die Bayern-Bosse die Entwicklung von Coutinho in aller Ruhe beobachten, gleichzeitig aber auch die Genesung des verletzten Wunschspielers Leroy Sané im Auge behalten. Und in Zukunft dann entscheiden: Sané kaufen oder die 120-Millionen-Option bei Coutinho ziehen? Vielleicht auch beides. Die Münchner sind in einer komfortablen Situation.

Contra Coutinho: Häufig ein Schatten seiner selbst

Soccer Football - Bayern Munich Training - Saebener Strasse, Munich, Germany - August 20, 2019   Bayern Munich coach Niko Kovac with Philippe Coutinho and Michael Cuisance during the training session   REUTERS/Michael Dalder
Philippe Coutinho (r.) bei seiner ersten Trainingseinheit an der Säbener Straße neben Trainer Niko Kovac und Mickaël Cuisance, einem weiteren Neuzugang.
© REUTERS, MICHAEL DALDER, RC

Da saß es also, das Triumvirat der Bayern. Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Sportdirektor Hasan Salihamidzic auf dem Podium, Uli Hoeneß ganz vorne auf den Presseplätzen. Aus jeder Pore schien ihnen die bayerische Vereinsdoktrin, das "Mia san mia" zu tropfen. Seht her, wir haben es wieder allen gezeigt! Coutinho, hah, ein Weltstar!

Doch in Wirklichkeit ist der Weltstar auch ein Aussortierter. Einer, der es nicht geschafft hat, sich beim FC Barcelona durchzusetzen. Einer, den kein großer Club haben wollte - nicht Paris St. Germain, nicht mal Tottenham Hotspur. Einer, der auf seinen Stationen in Europa bislang nur beim FC Liverpool begeisterte - unter "Menschenfänger" Klopp, dem Gegenpol zum hart wirkenden  Niko Kovac. Einer, der zudem nur die B-Lösung nach der geplatzten Verpflichtung von Sané ist.

Gewiss, Coutinho kann aus seinem Fußgelenk Fertigkeiten schütteln wie kaum ein anderer auf der Welt. Seine Schüsse aus der zweiten Reihe sind Waffen, seine Pässe in die Tiefe gefürchtet. Doch diese überragenden Augenblicke zeigt er zu selten, es gibt Spiele, da ist er ein Schatten seiner selbst. Er gehöre zu denjenigen, "die eine fast tragische Beziehung zum Spiel haben", urteilte der argentinische Fußballphilosoph Jorge Valdano in der Zeitung El Pais. Bei Coutinhos Ballkontakten nehme man "eine Unentschlossenheit wahr, die am Ende den Spielzug dahinschmelzen lässt".

Spätestens das Tamtam bei seiner Vorstellung zeigte die überladenen Erwartungen an den Brasilianer, um den Kovac im laufenden Spielbetrieb und ungeachtet möglicher Rückschläge die Mannschaft neuausrichten muss. Coutinho wird eine Stammplatzgarantie haben, mögliches Startelfopfer ist Vereinsidol Thomas Müller. Das birgt die Gefahr, dass Kovac wie in der schwierigen Phase der Vorsaison den Rückhalt der Kabine verliert. Und dann droht Zoff. "Bayern stolpert ins Coutinho-Dilemma", urteilte das britische Blatt Guardian spöttisch.