Zugelassener russischer Impfstoff könnte eine Corona-Infektion sogar verschlimmern

Medizin-Experte Dr. Specht: „Ich würde mir das nicht spritzen lassen“

11. August 2020 - 18:08 Uhr

Russische Behörde lässt ersten Impfstoff zu - viel zu früh?

Die russische Gesundheitsbehörde Roszdravnadzor hat nach den Worten von Präsident Wladimir Putin den weltweit ersten Corona-Impfstoff zugelassen. Das Mittel, das im Moskauer Gamaleja-Institut entwickelt wurde, habe die Freigabe des Gesundheitsministerium erhalten, sagte Putin. Unser Medizin-Experte Dr. Christoph Specht hält das für ein riskantes politisches Spiel.

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Paul-Ehrlich-Institut bemängelt fehlende Sicherheitsdaten

Denn der Impfstoff hat bisher nur Phase I der international festgelegten Testphasen abgeschlossen. Er wurde nur 38 jungen und gesunden Probanden verabreicht. In einem offiziellen Statement erklärt Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), es seien "geringe Transparenz und nach bisherigen Informationen fehlende Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten aus klinischen Prüfungen an mehreren Tausend Probanden zu bemängeln." Die Zulassung sei "daher mit Vorsicht zu betrachten."

Das PEI warnt vor zu großer Eile bei der Impfstoffzulassung: Auch in der aktuellen Pandemie-Situation sei es "dringend erforderlich, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen wie bei anderen Impfstoffen."

Auch Dr. Specht kritisiert: "Es in einem so frühen Stadium zuzulassen, widerspricht internationalen Gepflogenheiten." Der russische Verband der Organisation klinischer Studien (ACTO) hatte laut einem Bericht der "Moscow Times" ebenfalls weitere Tests gefordert, bevor der Impfstoff zugelassen werde.

Welche drei Phasen ein Impfstoff in der Entwicklung normalerweise durchlaufen muss, erklären wir hier. 

Wirksamkeitsnachweis fehlt in diesem Stadium komplett

"Es fehlt hier komplett noch der wirkliche Wirksamkeitsnachweis", so Specht. "Wir müssen davon ausgehen, dass diese Vorgehensweise politische Gründe hat, denn es gibt einen riesigen Wettbewerb darum, der erste zu sein im Kampf um den Impfstoff."

Es handele bei dem in Russland um einen sogenannten Adenoviren-Vektor-Impfstoff. Ein durchaus übliches Verfahren: "Dabei werden Adenoviren Merkmale des Corono-Virus sozusagen aufgestülpt, damit der Körper entsprechende Immunreaktion zeigt", erklärt Dr. Specht.

Könnte der Impfstoff trotzdem auch in Deutschland eingesetzt werden - wenn er erfolgreich ist?

Im besten Fall könnte der Impfstoff ein Zufallstreffer sein, schätzt unser Experte den möglichen Erfolg dieser gewagten Aktion ein. Kommt er dann auch bald nach Deutschland? "Nein", so Specht, "auch dann würde der Wirkstoff nicht so schnell von der Europäischen Arzneimittel-Agentur und der US-amerikanischen FDA zugelassen." Länder aus dem russischen Einflussbereich haben bereits Bestellungen abgegeben.

IM VIDEO: So schätzt Epidemiologe Ulrichs den russischen Impfstoff ein

Was kann mit diesem Impfstoff im schlimmsten Fall passieren?

Ein noch nicht ausgiebig bis in Phase III getesteter Impfstoff kann auch äußerst gefährliche Nebenwirkungen haben. "Wir wissen von einigen Impfstoffen, dass sie im Gegenteil einen verstärkenden Einfluss bei einer echten Infektion haben können", so Specht. "Die Infektion verläuft dann ungünstiger." Infektionsverstärkende Antikörper heißt dieses Phänomen und ist aus der Dengue-Fieber-Impfstoff-Entwicklung bekannt.

Tausende Freiwillige testen in Phase III

Normalerweise erfolgt eine Zulassung erst, wenn ein Impfstoff Phase III erreicht hat. Mit einigen Tausend, oft auch über 10.000 Freiwilligen, die sich in ihrem Alltag mit dem Virus infizieren könnten, muss wiesen werden, ob der Impfstoff zuverlässig vor einer SARS-CoV-2-Infektion schützt. Die Verträglichkeit und mögliche Nebenwirkungen werden vorher, in Phase II, überprüft. Eine Zulassung in Phase I wirkt daher, als solle Suche nach den Freiwillige übersprungen werden.

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