Medikamenten-Skandal in Bottrop: Apotheker verkaufte verdünnte Krebsmittel, um Luxusleben zu finanzieren

29. Juni 2017 - 18:27 Uhr

Er hat das Leben seiner Patienten aufs Spiel gesetzt

"Wir haben aus dem Radio davon erfahren. Und meine Tochter hat geweint und gesagt: Mensch, Mama, ich krieg doch auch meine Medikamente von dem", erzählte Annelie Scholz dem Recherchenetzwerk 'Correctiv'. Die Vorwürfe klingen ungeheuerlich: Ein Apotheker aus Bottrop soll über Jahre hinweg systematisch teure Krebsmedikamente gestreckt und das Leben unzähliger Patienten aufs Spiel gesetzt haben, um satte Gewinne einzustreichen.

Tochter starb drei Wochen später

Die Tochter von Annelie Scholz hatte Brustkrebs und bekam starke Medikamente. Doch die Therapie schlug nicht an. Die Metastasen breiteten sich im ganzen Körper aus. Drei Wochen nachdem der Skandal um die Medikamentenfälschungen ans Licht kam, starb die Frau. Sie hinterließ eine acht Jahre alte Tochter, die nun bei ihren Großeltern lebt.

Scholz beschlich ein schrecklicher Verdacht. Möglicherweise wurden auch die Mittel, die ihre Tochter aus der Apotheke in Bottrop erhielt, viel niedriger dosiert, als eigentlich vorgesehen. Die Ungewissheit ist für die Familie kaum auszuhalten. Könnte die Frau noch leben, wenn sie nur die richtigen Medikamente erhalten hätte? All das ist schwer zu beweisen.

Beutel enthielt nur Kochsalzlösung

Aufgeflogen war der Skandal um den Apotheker Peter S., weil einer seiner Mitarbeiter misstrauisch wurde. Er begann auf eigene Faust nachzuforschen und stellte einige Unregelmäßigkeiten fest. Er verglich die Rezepte der Patienten mit dem, was die Apotheke an Wirkstoffen eingekauft hatte. "Das hat mich schockiert: Nur 30 bis 40 Prozent der angeblich ausgegebenen Wirkstoffe hatten wir eingekauft", sagte der Martin P., kaufmännischer Leiter der Apotheke der 'Bild'-Zeitung. Obwohl Peter S. weniger Wirkstoff in die individuell abgestimmten Mittel mischte, rechnete er den vollen Preis ab.

Auch eine weitere Mitarbeiterin wandte sich an die Polizei. Eine Arztpraxis hatte einen Beutel mit einem Krebsmittel zurückgehen lassen, weil es der Patientin, für die das Medikament vorgesehen war, zu schlecht ging, um die Therapie fortzusetzen. "Dieses Präparat hätte schäumen müssen", sagte Maria-Elisabeth K. dem Recherchenetzwerk. Als sie den Beutel schüttelte, schäumte jedoch gar nichts. Die Kriminalpolizei schickte die darin enthaltene Flüssigkeit zur Analyse ins Labor. Das ernüchternde Ergebnis: In dem Beutel war keine Spur des Wirkstoffs nachweisbar. Die Patientin hätte reine Kochsalzlösung bekommen.

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Peter S. arbeitete in Straßenkleidung im sterilen Bereich

Möglicherweise hat der verdächtige Apotheker jahrelang an dutzenden Medikamenten herumgepanscht, bevor er aufflog. Er selbst führte ein ausschweifendes Luxusleben. Die Einzelheiten dazu sehen Sie im Video. Die Mitarbeiter berichten zudem über krasse Verstöße gegen die Hygiene-Vorschriften. S. soll in Straßenkleidung im Reinraumlabor gearbeitet haben. Dort muss normalerweise alles steril sein. Die kleinste Infektion kann für einen angeschlagenen Krebspatienten das Todesurteil bedeuten. Auch seinen Hund brachte der Apotheker häufiger mit zur Arbeit und nahm auch den mit in den sterilen Bereich.

Hunderte oder sogar Tausende könnten die gefälschten Medikamente erhalten haben. Wie viele Menschen starben oder unnötig leiden mussten, weil sie nicht mit den richtigen Medikamenten versorgt wurden, ist noch unklar. Auch mehrere klinische Studien, an denen Patienten teilgenommen haben, die von Peter S. versorgt wurden, könnten verfälscht worden sein. Die Ermittler haben noch ein großes Stück Arbeit vor sich.