30 Jahre Mauerfall - Bundespräsident Steinmeier im RTL-Interview

Die Euphorie von damals in unsere Zeit hinüberretten

10. November 2019 - 12:07 Uhr

Bundespräsident Steinmeier im exklusiven Interview mit RTL

Der 9. November ist ein Schicksalstag der deutschen Geschichte: Unter anderem mit der Pogromnacht der Nazis 1938 und dem Mauerfall 1989. Daran erinnern beim offiziellen Gedenken in Berlin führende Politiker. Bundespräsident Steinmeier bezeichnet im exklusiven Interview mit RTL den Tag des Mauerfalls als "eine Sternstunde in der an Sternstunden nicht reichen deutschen Demokratiegeschichte" und erklärt, welche Lehren er auf privater und politischer Ebene er aus dieser Zeit des Umbruchs ziehen konnte.

Steinmeier: Der 9. November 1989 sei „das Unerwartete“ gewesen

Obwohl sich das Ereignis angebahnt habe, man bereits gespürt habe, dass "sich eine Dynamik entwickelte, die kaum noch einzufangen war", sei der 9. November "das Unerwartete" gewesen. Steinmeier erinnert einmal mehr an den Mut der Demonstranten, die im Oktober 1989 die Entwicklung der DDR beeinflussten: "Wir dürfen überhaupt nicht unterschätzen, welches Risiko die Menschen damals eingegangen sind."

"Ich wünschte mir so sehr, dass wir etwas von dieser Euphorie, von dieser Zuversicht, von diesem Selbstbewusstsein der Tage im November 1989 hinüberretten in unsere Zeit.", so der Bundespräsident gegenüber der RTL/n-tv Redaktion. Für ihn sei es wichtig, die Geschichten von damals, egal ob aus Ost- oder Westperspektive, immer wieder zu erzählen: "Das kann helfen, die innere Einheit auch tatsächlich zu empfinden, die wir ökonomisch mehr oder weniger erreicht haben."

"Ich erinnere an die, die an der Mauer getötet wurden, weil sie die Freiheit suchten"

09.11.2019, Berlin: Eine Fotografin macht Bilder von den Blumen in den Mauerspalten nach der Gedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel erinnerten bei der Gedenkverans
Die zentrale Gedenkfeier in Berlin fand auf dem auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße statt.
© dpa, Kay Nietfeld, nie kno

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls dazu aufgerufen, die errungene Freiheit zu verteidigen und Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten. "Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann", sagte Merkel in der Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße.

Merkel erinnerte an die Versöhnungskirche, die früher an der Stelle gestanden hatte. 1985 wurde sie auf Veranlassung der DDR-Regierung gesprengt. "Das war nichts anderes als ein Akt der Menschenverachtung", sagte die Bundeskanzlerin.

Zugleich würdigte sie die Menschen, die sich dem SED-Staat entgegenstellten. "Ich erinnere an die, die an der Mauer getötet wurden, weil sie die Freiheit suchten", so Merkel und verwies auch auf rund 75 000 Menschen, die in der DDR inhaftiert waren, weil sie die Freiheit suchten. "Ich erinnere an die, die unterdrückt wurden und ihre Träume begraben mussten", so die Kanzlerin.

9. November ist Schicksalstag der deutschen Geschichte

dpatopbilder - 09.11.2019, Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l), nimmt an der Gedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer an der Bernauer Straße teil. Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Merkel erinnern bei der Gedenkveransta
30. Jahrestag Mauerfall - Berlin
© dpa, Kay Nietfeld, nie kno

Der 9. November sei ein Schicksalstag der deutschen Geschichte, sagte sie und erinnerte an die Pogromnacht der Nazis von 1938. Darauf gefolgt seien Menschheitsverbrechen und der Holocaust. Merkel mahnte, für die Errungenschaften eines vereinten Europas einzutreten.

Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde müssten immer wieder neu verteidigt werden. Dies sei in Zeiten tiefgreifender technologischer und globaler Veränderungen aktueller denn je, aber auch schwierig. "Der Beitrag des Einzelnen mag klein erscheinen, doch davon dürfen wir uns nicht entmutigen lassen", sagte sie.

Steinmeier dankt Osteuropäern

dpatopbilder - 09.11.2019, Berlin: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r-l), Janos Ader, Präsident von Ungarn, Andrzej Duda, Präsident von Polen, Zuzana Caputova, Präsidentin der Slowakei und Milos Zeman, Präsident von Tschechien stecken Blumen
Zweiter Teil der Feier am Denkmal für die vier Visegrad-Staaten. Von rechts: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Ungarns Präsident Janos Ader, Andrzej Duda (Polen), Zuzana Caputova, Präsidentin der Slowakei und Milos Zeman (Tschechien).
© dpa, Michael Kappeler, mkx kno

An der Feier nahmen neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD) auch die Staatspräsidenten der Slowakei, Polens, Tschechiens und Ungarns sowie Zeitzeugen und Schüler teil.

Steinmeier dankte den Bürgern der vier Staaten für ihren maßgeblichen Beitrag zur Wiedervereinigung. "Ohne den Mut und den Freiheitswillen der Polen und Ungarn, der Tschechen und Slowaken wären die friedlichen Revolutionen in Osteuropa und die deutsche Einheit nicht möglich gewesen", sagte er. Zudem rief er dazu auf, für die Demokratie zu streiten und neu entstandene Mauern in der Gesellschaft wieder einzureißen.

Mindestens 140 Menschen starben durch DDR-Grenzregime

ARCHIV - Blick auf die Berliner Mauer mit Sperranlagen und Todesstreifen am 22.10.1965 in der Bernauer Straße in Berlin-Wedding. Gut zu erkennen sind auch noch die Reste der Häuser die nach und nach für den Mauerbau abgerissen wurden. Jahrestage des
Blick auf die Berliner Mauer mit Sperranlagen und Todesstreifen am 22.10.1965 in der Bernauer Straße in Berlin-Wedding. Gut zu erkennen sind auch noch die Reste der Häuser die nach und nach für den Mauerbau abgerissen wurden.
© dpa, Konrad Giehr

Die Bernauer Straße gilt als Symbol der deutschen Teilung. Als die Mauer 1961 hochgezogen wurde, lag die Häuserfront der Straße im Osten, der Bürgersteig im Westen.

Mit dem 9. November 1989 ging die deutsche Teilung nach rund 40 Jahren zu Ende, die Berliner Mauer selbst hatte mehr als 28 Jahre Bestand. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen starben an der etwa 160 Kilometer langen Mauer in der Hauptstadt mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

Wiedervereinigung auf der Straße: Die Nacht, als die Mauer fiel