Fußball-Nationalmannschaft

Matthias Ginter: Jogis stille Säule

Matthias Ginter im Trikot der Fußball-Nationalmannschaft
© deutsche presse agentur (sport), dpa

11. November 2020 - 15:14 Uhr

Ginter will mehr Verantwortung beim DFB

Matthias Ginter hat deutlich gemacht, dass er auch in der Fußball-Nationalmannschaft Führungsspieler werden will. Dieser Anspruch ist nicht verwegen. Der 26-Jährige ist einer der besten deutschen Innenverteidiger. Eine Frage muss sich der Profi von Borussia Mönchengladbach aber stellen.

Von Sebastian Fuhrmann

Die Geschichte von Matthias Ginter in der Nationalmannschaft war lange die eines Lehrlings. 2014 sowieso. Zarte 20 Jahre war der gebürtige Freiburger alt, als er in Rio de Janeiro als jüngster Spieler im Kader den größten Pokal des Weltfußballs in den Himmel recken durfte. 2016, bei der EM in Frankreich, durfte er nicht mitspielen, erfahrenere Kräfte bekamen den Vorzug. 2018, beim WM-Versagen in Russland, kam er nicht über das Dasein als Bankdrücker hinaus.

Das Turnier markierte einen Wendepunkt in der Ginter-Nationalmannschafts-Erzählung. Mit dem katastrophalen Auftreten der DFB-Elf wurden die Karten völlig neu gemischt. Bundestrainer Joachim Löw verzichtete in der Folge auf die Dienste von Mats Hummels und Jérôme Boateng, der Weltmeister-Innenverteidigung von Rio. Löw machte schnell klar, dass er auf die Jungend setzen würde, zu der Ginter immer noch gehörte.

Der Mann, den seine Teamkollegen "Matze" rufen, wurde zum Stammspieler in der Verteidigung, die fortan häufig als Dreierkette auflief. Inzwischen hat Ginter 33 Länderspiele für Deutschland gemacht. Seine Entwicklung ging stetig voran. Das hat auch mit einer Entscheidung zu tun, die er für sich traf.

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Neuer Club, neues Glück

Ginter hatte im Sommer 2018 gerade sein erstes Jahr bei Borussia Mönchengladbach hinter sich. Im Jahr davor war er von Borussia Dortmund für 17 Millionen Euro Ablöse an den Niederrhein gewechselt. Für den Jungprofi war in der Innenverteidigung nicht immer Platz, oft musste er auf die Position des Rechtsverteidigers ausweichen, wo er seine Stärken nicht ausspielen konnte.

Er entschied sich für einen Schritt zurück, der für ihn zugleich drei Schritte nach vorn bedeutete. Bei den "Fohlen" stieg er zum Abwehrchef auf, lieferte in der Bundesliga außergewöhnlich gute Leistungen. Er spielt abgeklärt und ruhig, leistet sich kaum Fehler, ist da, wenn Not am Mann ist. Sein Stellungsspiel stimmt. Inzwischen hat Ginter auch in der Spieleröffnung mit langen Bällen große Schritte nach vorn gemacht. Kurzum: Der 26-Jährige ist beim Champions-League-Teilnehmer zum absoluten Leistungsträger und somit anerkannten Führungsspieler geworden. Auf seinen Schulter wachsen in Mönchengladbach die Erfolge mit.

Neue Ansprüche in der Nationalmannschaft

Dem Fachmagazin "kicker" sagte er nun, Ziel sei es "ganz klar, auf dem positiven Feedback der vergangenen Wochen und Monate aufzubauen und in der Nationalmannschaft eine ähnliche Rolle zu haben wie im Verein."

Er nannte dann auch gleich Vorbilder, bei denen er sich etwas abgucken wolle in Sachen Führungsstil. Unter anderem sind das Philipp Lahm und Basketball-Legende Dirk Nowitzki. Über Lahm, den er aus der gemeinsamen Zeit in der Nationalmannschaft gut kennt, sagt Ginter, er sei kein Lautsprecher gewesen, dafür aber stark in Einzelgesprächen.

Ganz ähnlich ist das bei ihm selbst. Er gehört zur ruhigeren Fraktion. Die Momente, in denen Ginter seine Emotionen mal entgleiten, sind rar – wenn überhaupt. Sein Wesen spiegelt sich auch im Äußeren. Die Extravaganz eines Jérôme Boateng, der mit Tattoos und gefärbten Haaren herumläuft, ist Ginter fremd. Er tritt auch vor den Kameras nicht forsch auf. In Gladbach ist er ein leiser Anführer, den Job als Redner übernehmen andere.

Wenn Ginter sich auch beim DFB das Etikett "Abwehrchef" ans Revers heften und zum absoluten Führungsspieler aufsteigen will, muss er sich aber die Frage stellen, ob er nicht doch an Wortgewalt zulegen muss. In der Nationalmannschaft, so die immer wieder geäußerte Kritik, sind Spieler, die den Ton angeben, Mangelware. Bislang übernimmt vor allem Bayern Münchens Joshua Kimmich, der für die kommenden Länderspiele ausfällt, die Rolle des Kommunikators. Auch Manuel Neuer geht voran, aber als Torwart sind ihm dabei Grenzen gesetzt. In der letzten Reihe fehlt ein Wortführer, leistungstechnisch bewegen sich Ginter und seine Nebenmänner, meistens Niklas Süle (Bayern) und Antonio Rüdiger (Chelsea), auf ähnlichem Niveau.

Beim Freundschaftsspiel gegen Tschechien am Mittwoch wird Ginter geschont, in der Nations League gegen die Ukraine und in Spanien soll er wieder auflaufen.