„Die Menschen können sterben an was auch immer, aber bloß nicht an Corona“

Massentests und Zwangsquarantäne: Hat China die Corona-Krise wirklich im Griff?

22. Oktober 2020 - 16:26 Uhr

Von RTL-Korrespondentin Pia Schrörs

Wie macht China das nur: In fünf Tagen testet das Land die kompletten neun Millionen Einwohner der Metropole Qingdao. Der Grund: Zwölf Neuinfektionen in einem Krankenhaus der Millionenstadt. Keine Woche später erfährt die Welt die frohe Botschaft: Kein einziger weiterer Infizierter unter den neun Millionen Einwohnern. Die Nachricht klingt zu schön, um wahr zu sein und Zweifel sind durchaus angebracht. Doch selbst wenn kleinere Infektionsherde ausgemacht worden sein sollten, daran besteht kein Zweifel: China hat die Pandemie eindeutig besser unter Kontrolle als wir es haben.

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Wie macht China das?

​Die Botschaft, die das autoritäre Regime selbstbewusst mit der großen-Testaktion in Qingdao an sein Volk und in die Welt posaunt, ist eindeutig: Vereint, zuversichtlich und entschlossen beherrscht China weiterhin den Kampf gegen das Virus – ganz anders als der Rest der Welt. Hunderttausende Menschen haben sich in der Oktober-Nationalferienwoche an Bahnhöfen und in den Touristenattraktionen gedrängelt, teils ohne Masken, Nachtclubs sind wieder brechend voll, Shoppingmeilen ein Menschenmeer - kaum ein Unterschied zu vor der Pandemie. 

Die kleinsten Infektionsherde dämmt das autoritäre Regime mit einer gnadenlosen Repressionsstrategie ein. Wird auch nur eine Infektion bekannt, werden ganze Nachbarschaften oder sogar ein kompletter Bezirk mit Millionen von Menschen von einem auf den anderen Moment abgeriegelt. Teils werden die Bewohner regelrecht in ihren Wohnungen eingesperrt, die Türen mit Eisenstangen verriegelt oder versiegelt, um die Quarantäne zu kontrollieren. 

14.10.2020, China, Qingdao: Ein Mann geht an temporären COVID-19-Testverarbeitungslabors vorbei, die in aufblasbaren Zelten eingerichtet wurden. Nach einem neuen Ausbruch des Coronavirus hat die ostchinesische Metropole Qingdao innerhalb von vier Tag
Coronavirus - Massentest in China
© dpa, Uncredited, MAS fgj

Menschen verhungern, springen aus dem Fenster oder sterben an anderen Krankheiten

In sozialen Netzwerken sieht man Bilder von Überwachungskameras, die die lokale Polizei direkt vor den Wohnungstüren und teils sogar im privaten Wohnungsflur installiert hat. Immer wieder schaffen es tragische Schicksale für kurze Zeit an die Öffentlichkeit, werden dann aber zügig von den Zensoren gelöscht: Menschen, die verhungern, weil sie keine Lebensmittelvorräte mehr hatten, Menschen, die an anderen Krankheiten in ihren Wohnungen sterben, weil sie keine ärztliche Hilfe aufsuchen konnten. Menschen, die so verzweifelt sind, und aus dem Fenster springen.

Eine Frau aus Jilin, hat mir während des Lockdowns der Metropole am Telefon geschildert, wie sie sich mit einer Seilkonstruktion und einem Eimer Lebensmittel und Medikamente in den 4. Stock hochziehen. Lieferdienste waren in Jilin offensichtlich bedingt zugelassen. Das war aber nicht überall so.

"Die Menschen können sterben an was auch immer, aber bloß nicht an Corona," erklärte mir vor Kurzem die chinesische Journalistin Qin Liwen, die ich aufgrund ihrer sorgfältigen Recherchen und scharfen Analysen sehr schätze, die Strategie des Regimes. Wer an Corona erkranke, verliere häufig seinen Arbeitsplatz, sagt sie. Sprich: Eine Corona-Infektion ist eine Schande in China und soll nicht existieren.

Ein Menschenleben ist in China nicht viel wert

"Etwas, was man verstehen muss, um China und die Corona-Pandemie zu verstehen, ist, dass ein Menschenleben an sich nichts wert ist für die Partei," erklärt mir Erkin Sidick, heute NASA-Chef-Ingenieur in den USA, früher Professor und Vorsitzender der Nationalen Vertretung der Universitäten in China. Was er im Zusammenhang mit Corona damit ausdrücken will: China gehe es beim Kampf gegen die Corona- Pandemie nicht darum, Leben zu retten. Der kommunistischen Partei gehe es stets ganz allein darum, ihre Legitimität zu bewahren – um Machterhalt. Und wenn eine Pandemie wie Corona die Macht gefährde, dann gelte es alles zu tun, um die Pandemie in den Griff zu bekommen.

Und das ist das, was wir in China sehen. Jeder, der aus dem Ausland einreist, wird sofort für zwei Wochen in ein spezielles Quarantäne-Hotel verfrachtet. Drei Mal am Tag stellen einem vermummte Hotelangestellte Mahlzeiten vor die Tür, drei Mal am Tag messen sie die Körpertemperatur. Wer Glück hat, erwischt tatsächlich ein einigermaßen gepflegtes Hotel mit gutem Service. Teils werden aber auch einfach leerstehende Ruinen für die Quarantäne genutzt. Ein Bekannter von mir aus Kanada hatte Pech, verbrachte 14 tage in einem Drecksloch und wurde schwer magenkrank. Eine medizinische Versorgung erhielt er nicht.

15.10.2020, China, Qingdao: Ein medizinisches Personal im Schutzanzug nimmt einen Abstrich von einem Kind in der Nähe eines Wohngebiets. Nach einem neuen Ausbruch des Coronavirus hat die ostchinesische Metropole Qingdao innerhalb von vier Tagen einen
Coronavirus - Massentest in China
© dpa, Uncredited, AW fgj

Können wir etwas von China lernen im Umgang mit der Pandemie?

Ein Blick zurück nach Qingdao, wo sie in fünf Tagen neun  Millionen Menschen getestet haben, zeigt, wie wenig wir Chinas bedingungslose Eindämmungsstrategie auf uns übertragen können: Ein Recht, den Test zu verweigern, hatten die Menschen dort nicht. Teils wurden sie auf dem Heimweg von der Arbeit mit dem Teststäbchen überrascht oder mussten sich stundenlang in die Schlange stellen. Wer hinterfragt oder sich verweigert, muss mit Strafen rechnen. 

Ein Heer an linientreuen Blockwarten des Nachbarschaftskomitees hat ein Auge auf jeden einzelnen Bürger - nicht nur in Qingdao übrigens. Von einem auf den anderen Tag wurden Wander-Labore in großen Hallen errichtet, medizinisches Personal aus allen Landesteilen nach Qingdao beordert, um die Tests auszuwerten. Der Chef und der Direktor des Krankenhauses, in dem die zwölf Infektionen bekannt wurden, wurden ohne weitere Untersuchungen unverzüglich bestraft und fristlos entlassen.

Können wir vielleicht sogar etwas von China lernen im Umgang mit der Pandemie? Ich tue mich ehrlich gesagt schon schwer, diese Frage zu stellen. "China behandelt seine Leute in der Pandemie wie lebendes Inventar," beantwortet die chinesische Publizistin Qin Liwen meine Frage. "Anstatt nach China zu schauen, sollten wir in andere Länder blicken, wie Taiwan, die unsere Werte teilen, um uns ein Beispiel und Anregungen zu suchen," so Qin, die die Pandemie in ihrer Wahlheimat Berlin erlebt.

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