Nach Masken-Kritik aus Schweden

Coronavirus: Deshalb bringen Masken doch etwas!

Zerrissener Mundschutz, Warnschild und Schriftzug Masken-Verweigerer *** Torn face mask, warning sign and lettering Mas
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12. August 2020 - 10:52 Uhr

Drei Argumente für die Maskenpflicht

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich Schweden als eines der wenigen Länder für einen sehr lockeren Umgang mit dem Virus entschieden. Damit nicht genug, kritisiert der schwedische Chef-Epidemiologe Anders Tegnell immer wieder den Weg, den andere Länder gegen das Virus einschlagen. Wir liefern drei Argumente, warum gerade die Maskenpflicht besonders effektiv im Kampf gegen die Verbreitung ist.

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Schweden kritisiert Maskenpflicht

Mittlerweile sind Masken in der Öffentlichkeit allgegenwärtig. Beim Einkaufen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Schulen in einigen Bundesländern sind Mund-Nase-Schutzmasken Pflicht. Nach anfänglicher Unsicherheit scheint sich bei vielen Entscheidungsträgern auf der ganzen Welt die Überzeugung durchzusetzen, dass Masken dabei helfen können, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen. Doch es gibt Ausnahmen: wie etwa Schweden.

Das skandinavische Land ist seit Beginn der Pandemie für seinen Sonderweg bekannt. In Schweden gab es zu keiner Zeit einen staatlich verordneten Lockdown - von einer Maskenpflicht ganz zu schweigen, berichtete ntv.de. Und Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell äußerte zuletzt auch deutliche Zweifel am Sinn von Masken. Womit die Masken-Debatte, die hierzulande immer wieder aufflammt, neue Nahrung erhält.

Es sei "sehr gefährlich", zu glauben, dass "Masken unser Problem lösen können", sagte Tegnell im Interview mit der "Bild"-Zeitung. Das Resultat, das man durch die Masken erzeugen konnte, so Tegnell, sei erstaunlich schwach. Und das, obwohl so viele Menschen sie weltweit trügen. Er führt Länder wie Spanien und Belgien an, die trotz einer Maskenpflicht zuletzt wieder steigende Infektionszahlen verzeichnen. Gleichzeitig zeigte sich der schwedische Epidemiologe überrascht, dass es aus seiner Sicht "nicht mehr oder bessere Studien darüber gibt, welche Effekte die Masken tatsächlich herbeiführen". Bringen Masken also nichts - oder nur sehr wenig?

Argument 1: Masken schützen die Gesunden

Dass Masken bei der Ausbreitung der Corona-Pandemie helfen können, beruht zum einen auf der Annahme, dass das Gewebe der Masken Tröpfchen und Aerosole zurückhält, welche Infizierte beim Husten, Niesen oder Sprechen ausstoßen. Masken sollen also nicht die Träger, sondern in erster Linie andere, noch nicht angesteckte Menschen vor den Trägern schützen. Das spielt zum anderen im Fall von Covid-19 deshalb eine so große Rolle, weil man davon ausgeht, dass viele Patienten bereits ansteckend sind, bevor sie erste Symptome bemerken.

Daher empfehlen Gesundheitsbehörden wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das deutsche Robert-Koch-Institut (RKI) das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum. Laut RKI kann dies dazu beitragen, "die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Covid-19 in der Bevölkerung zu reduzieren", wie es auf seiner Webseite schreibt. Aber hat diese Empfehlung auch ein wissenschaftliches Fundament?

Das RKI verweist in einem offiziellen Bericht unter anderem auf eine Studie, die Anfang April im Fachmagazin "Nature" erschien. In dieser hatten Forscher die Atemluft von Menschen untersucht, welche unter anderem mit anderen Arten vergleichsweise harmloser Coronaviren infiziert waren. Das Ergebnis: In den Fällen, in denen die Probanden eine Maske trugen, konnten keinerlei Coronaviren mehr in der Atemluft nachgewiesen werden. Ohne Maske in etwa einem Drittel der Fälle schon. Die Autoren schlossen daraus, dass Masken womöglich auch bei der Eindämmung von Covid-19 helfen, bei dessen Erreger Sars-CoV-2 es sich ja ebenfalls um ein Coronavirus handelt.

Argument 2: Forschung zeigt die Effektivität

Aber es gibt noch weitere Untersuchungen: Durch Aufnahmen mit einer Hochgeschwindigkeitskamera unter Laserlicht konnten Forscher zeigen, dass ein Mensch ohne Mundbedeckung beim Sprechen Hunderte Tröpfchen in die Umgebung ausstößt. Diese hatten eine Größe von 20 bis 500 Mikrometern. Ein feuchter Waschlappen über dem Mund konnte dies jedoch verhindern.

Und die Autoren einer Metaanalyse aus dem April kamen nach der Auswertung verschiedener Studien zu dem Schluss, dass Masken in Kombination mit anderen Gesundheitsmaßnahmen die Verbreitung von Sars-CoV-2 bremsen und schließlich stoppen könnten. Allerdings räumen die Verfasser ein, dass keine der untersuchten Studien die Wirksamkeit von Masken speziell gegen Sars-CoV-2 geprüft hatte.

Die Kritik ist dennoch nicht ganz unbegründet: Tegnell bemängelt nicht nur die Qualität bisheriger Studien - aus seiner Sicht zeigt auch der Verlauf der Ausbrüche in Spanien und Belgien, dass eine Maskenpflicht wenig bewirkt. Tatsächlich zogen die Neuinfektionen in Spanien wieder an - trotz einer nationalen Maskenpflicht. Der Sieben-Tage-Schnitt lag zuletzt bei mehr als 3000 Neuinfektionen pro Tag. Auch Belgien verzeichnet seit einigen Wochen wieder einen Anstieg der Neuinfektionen - auch dort gilt eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen mit viel Publikum sowie in Bussen und Bahnen, Museen und Geschäften. Sind es Ausnahmen oder tatsächlich Belege dafür, dass Mund-Nase-Bedeckungen keine Wirkung haben?

Das Auswärtige Amt spricht daher für immer mehr Urlaubsregionen Reisewarnungen aus. 

Argument 3: Weniger Todesfälle in Ländern mit Maskenpflicht

Es gibt auch andere Studien, die einen Zusammenhang zwischen Maskenpflicht und Fallzahlen herstellen und sehr wohl einen positiven Einfluss feststellen. Eine Studie in den USA verglich die Zunahme der Corona-Fälle in 15 Bundesstaaten und Washington DC vor und nach der Einführung einer Maskenpflicht. Es zeigte sich: Die Masken verlangsamten den Anstieg der Neuinfektionen. Eine weitere Studie untersuchte die Todesfälle in Zusammenhang mit Sars-CoV-2 in 198 Ländern und stellte fest, dass in jenen Ländern, in denen das Tragen von Masken kulturell oder politisch begünstigt war, die Todesraten geringer waren.

Liegt Schweden nun richtig oder falsch

Liegt Schwedens Staatsepidemiologe Tegnell nun also richtig oder falsch mit seiner Einschätzung, dass Masken wenig bringen? Leider ist auch das zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu sagen. Die Hinweise, dass Masken Tröpfchen und Aerosole zurückhalten können, sind zahlreich. Aber eine groß angelegte Studie, welche den Einfluss von Masken auf die Corona-Pandemie abschließend klären könnte, gibt es bisher nicht - und sie würde auch ethische Fragen aufwerfen, da dafür wohl Tausende Freiwillige aufs Tragen von Masken verzichten müssten, um den Unterschied festzustellen.

Solange der endgültige Beleg für die Wirksamkeit von Masken jedoch ausbleibt, bietet diese Wissenslücke viel Raum für Spekulationen. Über Masken wird man wohl noch weiter streiten - und die Masken-Kritiker sind in der komfortablen Situation, dass ihre Ansichten so schnell nicht widerlegt werden können.