Margaret Heckel im RTL-Interview: So regiert Angela Merkel

Margaret Heckel zu Angela Merkel
Die Politikjournalistin Margaret Heckel hat den Bestseller 'So regiert die Kanzlerin‘ geschrieben.

RTL-Redakteur Ulrich Kleemann interviewt Merkel-Expertin

Heute ist Angela Merkel 3.062 Tage im Amt - und regiert damit länger als alle SPD-Kanzler vor ihr. In Deutschland erfreut sich die CDU-Politikerin ungebrochener Beliebtheit. Und das, obwohl ihr Führungsstil in der Vergangenheit oft kritisiert wurde. Die Politikjournalistin Margaret Heckel hat Merkel in ihrem Bestseller 'So regiert die Kanzlerin‘ genau unter die Lupe genommen und zieht im Interview mit RTL-Redakteur Ulrich Kleemann Bilanz.

Frau Heckel, wie regiert Merkel?

Heckel: "Merkel regiert auf eine unprätentiöse, fast schon uneitle Art und Weise. Das lässt sie mit sehr unterschiedlichen Charakteren zurechtkommen. Sie hat im Kanzleramt einen ganz engen Kreis von Vertrauten, die sie schon sehr lange begleiten. Mit denen kann sie offen reden und sie umgekehrt auch mit ihr. Das bedeutet aber, dass nichts davon jemals nach außen dringt. Der Preis für diese Offenheit im Kanzleramt ist die totale Loyalität zu ihr."

Merkel ist die erste Frau im Kanzleramt. Was unterscheidet sie über das Frau-Sein hinaus von ihren Vorgängern?

Heckel: "Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass sie diesen Hintergrund als Physikerin hat und gelernt hat, wie Naturwissenschaften zu neuen Erkenntnissen kommen. Dort haben wir den Grundsatz 'Versuch und Irrtum‘. Das bedeutet, man kann auf unterschiedlichen Wegen ans Ziel gelangen - Hauptsache, man kommt ans Ziel. Das hat Merkel in die Politik mitgenommen. Sie hat ja schon einmal beschrieben, dass sie lange mit sich hadert, bevor sie sich auf ein Ziel festlegt. Auf dem Weg zum Ziel ist sie dann aber flexibel. Wenn der erste Weg nicht funktioniert, dann versucht sie den zweiten oder vielleicht sogar den dritten Weg. Das ist genau das, was die Öffentlichkeit oft als Hin und Her, als Zickzack interpretiert, und sehr oft kritisch auslegt."

Merkels wichtigste Charaktereigenschaft?

Heckel: "Die unideologische Analyse der Lage, des Gegenübers. Und danach Schlüsse zu ziehen, Weg und Ziel festzulegen und loszumarschieren."

Womit wird Merkel in die Geschichtsbücher eingehen?

Heckel: "Sicherlich hat die Euro-Krise ihre bisherige Amtszeit bestimmt. Diese Krise ist noch nicht am Ende und wird eines der prägenden Elemente ihrer Kanzlerschaft sein."

Was macht Merkel so beliebt?

Heckel: "Sie kommt offensichtlich sympathisch rüber. Die Deutschen scheinen sie auch für kompetent zu halten. Es kommt ihr zugute, dass die Bürger den Eindruck haben, sie habe Deutschland gut durch diese Eurokrise gesteuert - besser als viele andere europäischen Partnerländer durch diese Krise gekommen sind. Sie ist sehr uneitel, das scheinen die Bürgerinnen und Bürger auch zu schätzen. Ihre Regierung wird als in Ordnung empfunden. Das und ihr Wesen scheinen ihr Erfolgsgeheimnis zu sein."

Sehen Sie einen Unterschied zwischen der jungen Kanzlerin und der jetzt erfahrenen Kanzlerin?

Heckel: "Auf jeden Fall ist sie jetzt viel erfahrener. Sie ist schon so lange im Kanzleramt, da erschüttern sie auch neue Krisen nicht mehr besonders. Das hat man an der Krim-Krise gesehen, wo sie zwar klar reagiert, sich aber auch Zeit genommen hat, für die Reaktion und sich nicht drängeln ließ. Da spielt die Erfahrung eine große Rolle, und die nimmt natürlich mit jedem Jahr weiter zu."

Gibt es etwas, das Merkel nicht so gut gemacht hat?

Heckel: "An den einzelnen Politikpunkten kann man natürlich sehr viel Kritik finden. Gerade jetzt bei der Diskussion um die Rente mit 63 oder die Mütterrente. Die Rente mit 63 ist sicherlich so ein Zick-Zack-Punkt, der sehr schwer zu erklären ist, weil die erste Regierung Merkel - zusammen mit dem damaligen Arbeitsminister Müntefering - ja die Rente mit 67 auf den Weg gebracht hat. Jetzt geht es praktisch wieder zurück. Das ist nicht konsistent. Es ist auch nicht zukunftsfest, weil die Jungen das bezahlen müssen."

Nach NSA-Affäre: Merkels "Ärger war schon sehr echt"

Angela Merkel
Angela Merkel regiert länger als alle SPD-Kanzler vor ihr.
REUTERS, FABRIZIO BENSCH

Linke-Chef Gregor Gysi hat kürzlich kritisiert, Merkel sei duckmäuserisch gegenüber den USA. Wie sehen Sie das?

Heckel: "Sie hat ihre Kanzlerschaft mit einem klaren Bekenntnis zu den Vereinigten Staaten begonnen. Damals war noch George W. Bush Präsident, der ja in Deutschland sehr unbeliebt war. Damit hat sich Merkel in Deutschland nicht so wahnsinnig viele Freunde gemacht. Das hat sich aber in den Jahren verändert. Ich glaube, dass sie dem jetzigen Präsidenten Barack Obama bei ihren Telefonaten auch klar ihre Meinung sagt. Die Frage ist natürlich: Lassen sich die Vereinigten Staaten überhaupt von Deutschland beeinflussen - ganz gleich, wer auch immer da Kanzler ist? Wenn man jetzt die ganze NSA-Affäre sieht, dann muss man diese Frage schon stellen. Ich glaube, dass auch andere Kanzler, egal wie sie heißen würden, die USA nicht beeinflussen könnten. Einfach aufgrund der Tatsache, dass Deutschland zwar in Europa wichtig, aber global nicht unbedingt eine Supermacht ist."

Wie steckt ein Machtmensch wie Merkel es weg, dass er seine NSA-Akte nicht einsehen darf?

Heckel: "Das ist interessant, denn als sie erfahren hat, dass ihr Handy abgehört wurde, da hat man wirklich eine emotionale Merkel gesehen. Emotionaler als bei vielen anderen Punkten. Und der Ärger, den sie damals auch nicht verhohlen hat, der war schon sehr echt. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass sie sich in dieser Situation sehr ohnmächtig gefühlt hat. Wenn man hört, das sein eigenes Handy von einer befreundeten Supermacht, von einem befreundeten Präsidenten ohne das eigene Wissen abgehört wird, das hat viele Fragen aufgeworfen."

Von der Ohnmacht zur Macht. Die Macht dominiert bei Merkel. Wie schafft sie es, so mächtig zu bleiben?

Heckel: "Merkel kann sich auf viele unterschiedliche Partner sehr gut einstellen. Und sie kann in sehr vielen unterschiedlichen Konstellationen arbeiten und regieren. Das gilt nicht nur für Deutschland und die innenpolitische Situation, sondern auch für Europa. In der EU spielen sehr viele unterschiedliche Partner zusammen, da müssen kleine und große Staaten zusammenfinden. Merkel ist sehr gut in der Lage, zu beachten, was jeder will, und wo bei jedem die Knackpunkte sind. Das lässt sie immer wieder zu Kompromissen kommen, die ihr das Weiterregieren ermöglichen."

Das setzt auch Empathie voraus. Wie passt das zur kühl und pragmatisch berechnenden Merkel?

Heckel: "Es ist so eine Mischung aus klarer intellektueller Analyse – also was will mein Gegenüber? Wo sind seine Schwachpunkte seine Stärken? - und der Fähigkeit, zu kommunizieren und empathisch zu sein. Wenn damals zum Beispiel Nicolas Sarkozy etwas von kleineren Ländern wollte, hat er jemanden zu dem Präsidenten geschickt. Der Präsident des kleinen Staates musste dann zu dem französischen Präsidenten kommen, damit die beiden reden konnten. Merkel würde so etwas niemals machen. Sie würde natürlich aufstehen und dorthin gehen. Das sind schon unterschiedliche Arten der Kommunikation."

Wie hält Merkel das anstrengende Leben als Bundeskanzlerin aus?

Heckel: "Merkel hat einmal von sich gesagt, sie könne schlafen wie ein Kamel. Am Wochenende oder wenn sie Urlaub hat, kann sie unglaublich viel Schlaf tanken, um die Zeiten zu überbrücken, in denen sie nur wenig schlafen kann. Das andere ist eine sehr robuste Gesundheit. Und sie achtet auch bei Auslandsreisen immer darauf, dass sie abends, wenn es möglich ist, nach Berlin zurückkehrt, um in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Das kann schon mal dazu führen, dass, wenn sie in einer Woche fünf sechs europäische Termine hat, morgens in europäische Hauptstädte fliegt, aber abends immer wieder zurückkommt, um dann am nächsten Morgen wieder von Berlin aus aufzubrechen. Das scheint ihr sehr wichtig zu sein und auch für gute Gesundheit zu sorgen."

Daran anknüpfend: Wie wichtig ist der Mann an Merkels Seite - Joachim Sauer?

Heckel: Ich glaube, dass der Mann an ihrer Seite sehr wichtig ist. Dass er möglicherweise auch unterschätzt wird, weil er ja gar nicht in der Öffentlichkeit steht. Er ist deswegen wichtig, weil er etwas ganz anderes tut und eine ganz andere, eigene Autorität hat, und deswegen wahrscheinlich auch ein sehr gutes Korrektiv sein kann. Das führt führt, dass Merkel auch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückfindet - sollte sie mal abheben."

Wie lange bleibt Merkel Bundeskanzlerin?

Heckel: "Sie ist im Moment nicht amtsmüde. Es gibt auch noch viele Punkte abzuarbeiten, die ihr wichtig sind. Zuvorderst natürlich die Euro-Krise, in Deutschland auch die Energie-Wende und die Frage der Haushaltskonsolidierung. Sie wird so lange weitermachen, wie sie glaubt weitermachen zu müssen, um diese wichtigen Punkte zu klären."

Kann Merkel über sich selbst lachen?

Heckel: "Ich bin sicher, dass die Kanzlerin über sich selbst lachen kann. Es ist bekannt, dass sie auch sehr gut Witze erzählen kann. Man tut gut daran, sich die Kanzlerin als heitere Frau vorzustellen."