Zwei-Stunden-Schallmauer im Visier

Eliud Kipchoge will die „Marathon-Mondlandung“ schaffen

Eliud Kipchoge
Eliud Kipchoge
imago images/ZUMA Press

Marathon unter 2 Stunden, Kipchoge will's wissen

Es gibt Zeiten in der Leichtathletik, die als unerreichbar gelten. Und es gibt Sportler, die sich davon einfach nicht entmutigen lassen. Als eine unüberwindbare Grenze galt die Zwei-Stunden-Marke im Marathon. Eliud Kipchoge, momentan der stärkste Läufer der Welt, will diese Schallmauer am Samstag in Wien mit aller Macht einreißen. Die Chancen dazu stehen gut.

Von Emmanuel Schneider

Um zu verstehen, wie abartig die angestrebte Leistung von Eliud Kipchoge ist, schließen Sie am besten die Augen und stellen sich einen 100-Meter-Sprint vor. Stellen Sie sich vor, dass Sie diesen in 17 Sekunden laufen müssen. Ok, machbar, denken Sie. Jetzt nehmen Sie an, diese Zeit 422 Mal hintereinander zu laufen. Exakt dieses Tempo muss der 34-Jährige abspulen, um die 2-Stunden-Marke zu durchbrechen. Über 21 km/h auf die schmerzhaften 42,195 Kilometer, pro 1.000 Meter darf er nicht länger als 2:50 Minuten benötigen. Wahnsinn? Wahnsinn.

Dieses mörderische Tempo wirkt fast unerreichbar, doch Kipchoge und sein großes Team im Hinergrund sind nah dran, sehr nah. „Als Erster einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen – das wäre wie die Mondlandung. Es geht darum, ein Vermächtnis im Sport zu hinterlassen“, sagte der Top-Läufer.

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Darum könnte es klappen:

Der Kenianer ist in der Form seines Lebens. Er ist seit sechs Jahren auf der Marathon-Strecke ungeschlagen und stolzer Inhaber des hochoffiziellen Weltrekords (2:01:39), aufgestellt 2018 in Berlin. Wie ein guter Wein wird Kipchoge Jahr für Jahr besser. Schon bei seinem ersten 2-Stunden-Versuch 2017 auf der Formel-1-Strecke in Monza war er lange auf gutem Weg, die Fabelzeit zu unterbieten. Damals fehlten ihm lediglich 26 Sekunden. 26 Sekunden, die es nun in Wien zu schlagen gilt. Die Chancen stehen gut, dass es diesmal klappt.

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Kopfsache:

Der Familenvater ist mental noch reifer als 2017. Damals wusste er noch nicht, was auf ihn zukommt, gestand er jüngst. "Diesmal bin ich vorbereitet und weiß, was passiert", sagte er optimistisch. Zudem ist er mit seinen 34 Lenzen immer noch im besten Marathon-Alter.

41 Mal Extrahilfe:

Bei seiner Zeitenjagd ist er nicht alleine. 41 Pacemaker, die 50 Medaillen bei Olympia, WM und EM gewonnen haben, unterstützen Kipchoge bei der Wahnsinns-Hatz. Das Besondere: Die Tempomacher wechseln sich regelmäßig ab, um das entsprechende Tempo auf den Asphalt zu knallen und „ziehen“ den Kenianer konstant. In einem normalen Rennen ist das nicht erlaubt. Ein weiterer Vorteil: Der Pulk bietet beständig Windschatten, so kann Kipchoge Körner sparen.

Versorgung:

Der 34-Jährige kriegt speziell abgestimmte Getränke, gereicht aus dem Fahrzeug. Er muss sich nicht wie bei einem „normalen“ Marathon vom Beistelltisch das Wasser schnappen.

Pace-Auto:

Vor der Gruppe um Kipchoge fährt ein Führungsauto in der anvisierten Geschwindigkeit. Die Athleten haben die Zeit und Pace immer im Blick.

Die Strecke:

Der 9,6 Kilometer lange Kurs, auf dem die "Mondlandung" gelingen soll, liegt am Wiener Prater. Hier hat das Experten-Team perfekte Bedingungen ausgemacht. Er ist extrem flach, dazu wurde der Asphalt eigens für das Event modernisiert. Viele Bäumen säumen die Straße, sodass kein allzu starker Wind entgegenschlägt. Es wurde sogar extra eine überhöhte Kurve eingebaut, die wichtige Sekunden einsparen soll.

Der Ort:

Wien wurde von den Experten in Kipchoges Team mit viel Sorgfalt ausgewählt. Hier herrschen zu dieser Jahreszeit optimale klimatische Bedinungen (bestenfalls 9 bis 11 Grad, Luftfeuchtigkeit unter 80 Prozent, wenig Wind), zudem werden anders als vor zwei Jahren in Monza auch viele Zuschauer an der Strecke erwartet, die den Rekordmann pushen sollen.

"Kein Mensch ist in seinen Grenzen limitiert"

Los geht es am Samstag um 8.15 Uhr. Falls Kipchoge den Rekord knackt, darf er sich zurecht feiern lassen. Einen „offiziellen“ Rekordeintrag bekommt er aber nicht. Die Hilfestellungen, wie die sich abwechselnden Pacemaker, sind nicht konform mit den offiziellen Regularien. Für Kipchoge geht es vor allem darum, Grenzen zu verschieben. Nebenbei profitiert auch sein Sponsor, ein britischer Chemie-Riese, von dem Rummel um das Event.

"Das ist eine goldene Chance, Geschichte zu schreiben und der Welt zu zeigen, dass kein Mensch in seinen Grenzen limitiert ist", sagte Kipchoge, der am Dienstag in Wien gelandet ist: "Diese Barriere zu durchbrechen, das ist mein Traum. Das Letzte, was mir noch fehlt."

Nach einer verdienten Pause sollte Kipchoge dann, egal ob erfolgreich oder nicht, wieder in reguläre Wettkämpfe einsteigen und sich mit den anderen Läufern messen. Denn die Konkurrenz schläft nicht – im Gegenteil. Erst vor wenigen Tagen verpasste Kenenisa Bekele in Berlin den Weltrekord von Kipchoge um 2 Sekunden. Auf das Duell Kipchoge gegen Bekele freut sich die Sportwelt – auch wenn sie länger als 2 Stunden brauchen.