Mangelnder Brandschutz: Dortmund evakuiert Hochhaus-Komplex 'Hannibal II'

22. September 2017 - 13:47 Uhr

Hochhaus geräumt: "Verlassen Sie sofort Ihre Wohnung!"

Ein Hochhauskomplex in Dortmund, bekannt unter dem Namen 'Hannibal II'. Vor dem Haus parken mehrere Busse, Teams von Polizei und Ordnungsamt gehen durch die Flure des riesigen Hauses, klopfen an jede Tür und weisen die Bewohner an: "Packen Sie das Nötigste ein und verlassen Sie sofort Ihre Wohnung!" Ein Albtraum für die rund 800 Bewohner des Hochhauses. Am frühen Donnnerstagabend steigen die ersten Mieter in die Busse, die nächsten 48 Stunden sollen sie in der Leichtathletikstätte Helmut-Körnig-Halle verbringen. Grund für die Evakuierung: der mangelnde Brandschutz ihrer Wohnungen.

Evakuierung in Dortmund weckt Erinnerungen an Hochhausbrand in Londoner Grenfell Tower

Sofort sind die Bilder wieder da: Am 14. Juni dieses Jahres brannte der Grenfell Tower, ein Hochhaus in London, fast komplett aus. 80 Menschen kamen dabei ums Leben. Auslöser für die Katastrophe war ein defekter Kühlschrank. Er fing Feuer, setzte eine Wohnung und dann das gesamte Haus in Brand. Das Isoliermaterial der Fassade war viel zu leicht entflammbar. Die Polizei ermittelt mittlerweile gegen Firmen und Londoner Behörden wegen gemeinschaftlicher grob fahrlässiger Tötung.

Bewohner in Dortmund machen dem Vermieter Vorwürfe

Der Wohnkomplex Hannibal II in Dortmund (Nordrhein-Westfalen, fotografiert am 22.09.2017 mit einer Drohne. Der große Wohnkomplex Hannibal II im Stadtteil Dorstfeld mit mehr als 400 Wohnungen war am Donnerstagabend aus Brandschutzgründen geräumt worde
Räumung von Hochhauskomplex wegen Brandgefahr
© dpa, Arnulf Stoffel, mg kno

Ganz offensichtlich will Dortmund nicht, dass sich hier eine ähnliche Katastrophe abspielt. Die Stadt teilte mit, dass die Sicherheitsmaßnahme dem Schutz der Mieter des Hochhauses diene und unumgänglich sei. Bei einem Brand in dem riesigen Wohnkomplex könne sich Rauch gefährlich schnell ausbreiten. Außerdem fehlten Rettungswege. In der Siedlung im Stadtteil Dorstfeld wohnen – wie es auch beim Grenfell Tower der Fall war – viele sozialschwache Familien.

Die Bewohner sind fassungslos und wütend über die Evakuierung: "Der Vermieter kümmert sich um nichts", lauten die Vorwürfe. Auch Behinderte und Familien mit kleinen Kindern mussten ihre Wohnung binnen Stunden räumen. Die Bilder und Stimmen der besorgten Mieter sehen Sie im Video.

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Hannibal II-Eigentümer: "Räumung überzogen und nicht rechtens"

"Wie lange das Gebäude evakuiert bleiben muss, kann derzeit nicht sicher beantwortet werden", sagte der Leiter des Krisenstabes, Ludger Wilde. Bevor die Bewohner zurückkehren könnten, sei ein erheblicher Umbau notwendig. Das werde wohl einige Monate dauern. Nach den letzten Baumaßnahmen des Eigentümers habe der Komplex seine Brandschutzgenehmigung verloren. "Unmittelbares Handeln ist erforderlich", betonte Wilde.

Die Eigentümerin des Hochhauses, die Intown GmbH, hält die Maßnahme der Stadt für überzogen und nicht rechtens. "Erstmals heute haben wir von den detaillierten Brandschutzbedenken und baurechtlichen Themen Kenntnis erhalten und keinerlei Zeit für eine Reaktion in der Sache gehabt", kritisierte Intown-Chef Sascha Hettrich die Evakuierung.

Die Stadt Dortmund hält Sie übrigens via Twitter auf dem Laufenden:

Der Intown GmbH gehört auch ein vor einigen Wochen ebenfalls wegen Brandschutzmängeln evakuiertes Hochhaus in Wuppertal. Wuppertal hatte den Londoner Hochhausbrand zum Anlass genommen, das Brandrisiko von Häusern neu zu bewerten. Die Bewohner durften erst zurückkehren, als Intown einen Monat später Teile der brennbaren Kunststoff-Fassade entfernt hatte.