"Man hat mir das Trauern genommen" - Barend Thijsens Tochter wurde von verurteiltem Vergewaltiger ermordet

20. Juni 2017 - 23:22 Uhr

Täter hatte gerade Freigang

Es ist absolute eine Horrorvorstellung: Ein verurteilter Vergewaltiger hat Freigang und schlägt wieder zu. Doch genau das geschah 2015 in Niedersachsen. Die 23-jährige Judith war im Wald spazieren und wurde vom Freigänger Jörg N. überfallen, vergewaltigt und ermordet. Der Mann wurde nun vor dem Landgericht Verden zu elf Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Für Judiths Familie ist es immer noch nicht nachvollziehbar, wieso ein verurteilter Vergewaltiger frei herum laufen durfte.

Judiths Tod wäre vermeidbar gewesen

Für Judiths Vater Barend Thijsen ist es "ein Ding der Unmöglichkeit", dass der Tod seiner Tochter von der Justitz nicht verhindert wurde. Er war es auch, der die Leiche im Wald fand. Weil er die Ungewissheit nach dem Verschwinden der jungen Frau nicht mehr aushielt, machte er sich selbst auf die Suche und entdeckte seine Tochter unter Zweigen und Blättern versteckt im Wald. Dann geriet er selbst ins Visier der Ermittler, weil er die Polizei zu der Leiche geführt hatte. "Man hat mir eigentlich das Trauen genommen", sagt der Vater im Nachhinein. Wie er und Judiths Schwester die schwere Zeit erlebten, erzählen sie im Video.

Serienvergewaltiger mit rituellem Vorgehen

Der Eingang zum Maßregelvollzug in Rehburg-Loccum (Niedersachsen), aufgenommen am 23.09.2016. Bei einem unbegleiteten Freigang soll ein Maßregelvollzugs-Patient aus Rehburg-Loccum eine 23-jährige Frau umgebracht haben. Am 28.09.2016 beginnt vor dem L
Der Eingang zum Maßregelvollzug in Rehburg-Loccum, wo der Angeklagte untergebracht war.
© dpa, Beate Ney-Janßen, jol sab

Nach Ermittlungspannen wurde der Jörg N. erst im April 2016 als wahrer Täter anhand von DNA-Spuren an einem Kaugummipapier entlarvt. Der Mann war im Januar 2012 vom Landgericht Aurich wegen Vergewaltigung in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. Der Gutachter damals bescheinigte ihm eine 70-prozentige Rückfallquote.

Das Gericht ordnete Sicherungsverwahrung und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Warum er dann am 12. September 2015 einen sechsstündigen unbegleiteten Ausgang von der Klinik gewährt bekam, wird im Prozess wohl auch eine Rolle spielen.

Die Staatsanwaltschaft warf dem 49-Jährigen vor, zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs oder aus sonstigen niedrigen Beweggründen gehandelt zu haben. Der Angeklagte habe eine Neigung zu Sadismus und sei wegen seiner psychischen Befindlichkeiten als gefährlich einzustufen. "Er hat sich auf Würgen seiner Opfer bis zur Bewusstlosigkeit spezialisiert", sagte die Staatsanwältin zum Prozessauftakt. Rechtsanwalt Raban Funk, der die Schwester des Opfers vertritt, bezeichnete Jörg N. als Serienvergewaltiger mit rituellem Vorgehen.