Magath-Schützling schubst müde Polen raus

Altes Bild: Polen ging einfach zu sorglos mit seinen Chancen um.
Altes Bild: Polen ging einfach zu sorglos mit seinen Chancen um.
© REUTERS, DOMINIC EBENBICHLER

31. Oktober 2013 - 16:34 Uhr

Nach furiosem Auftakt baute die polnische Nationalmannschaft in der zweiten Halbzeit wieder einmal ab und flog folgerichtig aus dem EM-Turnier. Tschechien wurde nach anfangs großen Problemen immer stärker und Magath-Schützling Petr Jiracek (72.) erzielte schließlich das Tor zum 1:0-Erfolg, das seinem Team zum Gruppensieg und dem Einzug ins Viertelfinale verhalf.

Den ersten Schock mussten die tschechischen Fans schon vor dem Anpfiff verdauen: Spielmacher Tomas Rosicky wurde nicht rechtzeitig fit und nahm nur auf der Bank Platz. Ihn ersetzte Daniel Kolar von Viktoria Pilsen. Doch auch bei den Polen gab es eine mindestens genauso große Überraschung: Trainer Franciszek Smuda setzte nicht etwa den nach seiner Rot-Sperre wieder spielberechtigten Torwart Wojciech Szczesny vom FC Arsenal in den Kasten. Stattdessen spielte erneut der bisher überzeugende Ersatzmann Przemyslaw Tyton.

Vor 42.000 Zuschauern im Regen von Breslau kamen die Polen von Anfang an gut ins Rollen. Angepeitscht vom wieder einmal gänzlich rot-weiß geschmückten Publikum setzte Dariusz Dudka nach Freistoß von Ludovic Obraniak einen Fallrückzieher ans Außennetz (2.). Schnell offenbarte sich wieder einmal die große Schwäche der Tschechen: Die Abwehr zeigte sich mit den Angriffen der Polen vollkommen überfordert – und besonders Obraniak spielte groß auf. Zunächst setzte der gebürtige Franzose einen Freistoß nur knapp am Tor vorbei (6.), kurz danach spielte er mit einem Traumpass Robert Lewandowski frei, der ebenfalls vorbeischoss (7.). Wiederum der Dortmunder (10.), der Bremer Sebastian Boenisch (13.) und der Mainzer Eugen Polanski (15.) vergaben beste Möglichkeiten zur schon jetzt überfälligen Führung für den EM-Gastgeber.

Die Tschechen stellten wieder einmal unter Beweis, dass sie eines der zweikampfschwächsten Teams der Europameisterschaft sind, und Polen wusste das auszunutzen. Allein: Das Tor fehlte. Mit einem Dropkick aus rund 30 Metern prüfte erneut Boenisch Tschechen-Keeper Petr Cech, der den Ball zur Ecke klärte (21.). Danach kamen die Tschechen, die das letzte Mal vor 59 Jahren – damals noch als Tschechoslowakei – auf polnischem Boden nicht verloren hatten, besser ins Spiel. Nach – sage und schreibe – 39 Minuten gab der Vize-Europameister von 1996 gar den ersten Torschuss ab: Jaroslav Plasil scheiterte mit seinem abgefälschten Schuss an Tyton. Zum Ende der ersten Hälfte nahm Tschechien das Zepter komplett in die Hand und kam zu zwei weiteren Möglichkeiten. Ob den Polen wohl wieder mal die Puste ausgehen würde? Oder war ihnen durch das einsetzende Gewitter etwa mulmig geworden? Sie retteten sich zumindest erst mal in die Pause.

Polen nur noch müde - Jiracek nutzt es aus

Für Petr Jiracek haben sich die Trainingsstunden unter Felix Magath offensichtlich bezahlt gemacht.
Für Petr Jiracek haben sich die Trainingsstunden unter Felix Magath offensichtlich bezahlt gemacht.
© REUTERS, DOMINIC EBENBICHLER

In der Halbzeit hatten die Tschechen dann offenbar Wind davon bekommen, dass die Griechen gegen Russland führten. Zu diesem Zeitpunkt hätte ihnen nur ein Sieg zum Weiterkommen verholfen. Auf dem Platz zeigte sich in jedem Fall ein ganz anderes Bild als vor dem Seitenwechsel: Das Team von Trainer Michal Bilek spielte munter nach vorne, Polen wirkte ganz schön nervös.

Polanski kassierte nach Foul an Vaclav Pilar seine zweite Gelbe Karte im Turnier (48.). Nicht das einzige harte Einsteigen. Schiedsrichter Craig Thomson aus Schottland bekam immer mehr zu tun – aber schien wohl zwischenzeitlich vergessen zu haben, dass es sich nicht um ein Benefizspiel handelt. Vor allem die EM-Gastgeber wussten sich nicht mehr sportlich zu helfen und begingen ein Foul nach dem anderen.

Die Tschechen dominierten, etwas Handfestes sprang aber lange Zeit nicht heraus. Erst in der 65. Minute hatten sie die erste Großchance: Nach einem Freistoß von der Strafraumkante kam Tomas Sivok drei Meter vor dem Tor zum Kopfball, doch Tyton stand goldrichtig und bekam den Ball an den Oberkörper. Das hätte es sein müssen. Im Stadion wurde es allmählich leiser, Tschechien rannte weiter an und ließ die Polen begünstigt durch deren zahlreiche Fehlpässe nicht mehr aus der eigenen Hälfte kommen. Milan Baros scheiterte mit einem Distanzschuss am wieder einmal starken Tyton (68.).

Kurze Zeit später war der Torhüter von der PSV Eindhoven aber machtlos: Einen Pass von Baros nahm der Wolfsburger Jiracek toll mit, ließ mit einem Haken die polnische Abwehr alt aussehen und schob aus rund sieben Metern rechts unten ein – sein zweiter Treffer im Turnier und das Tor zum Viertelfinale für Tschechien. Die Trainingsstunden unter Felix Magath haben sich offensichtlich bezahlt gemacht. "Wir sind schlecht ins Turnier gestartet, haben uns aber dann gesteigert. Ich bin stolz auf die Mannschaft", sagte der Torschütze bescheiden nach dem Spiel.

Bei den Polen herrschte Ernüchterung. Nicht einmal ansatzweise konnte man als polnischer Fan das Gefühl bekommen, dass sich in Breslau noch etwas tun würde. Bis zur Nachspielzeit: Bei seiner einzigen nennenswerten Aktion des Spiels köpfte der Dortmunder Jakub Blaszczykowski den Ball über Cech hinweg, doch ein tschechischer Spieler haute den Ball noch mit dem Kopf von der Linie. Dann war Schluss.

Coach Smuda sprach das aus, was wohl alle Polen dachten: "Wir haben unsere Chancen nicht genutzt, besonders in der ersten Halbzeit." Auf der einen Seite traurige Polen, auf der anderen Seite endloser Jubel. Michal Kadlec, der seit der 1:4-Klatsche gegen Russland die Abwehr der Tschechen zusammengehalten hatte, war sprachlos: "Mir fehlen die Worte. Das ist ein unglaublicher Moment für die Mannschaft", so der Leverkusener. "Wir hatten einen schrecklichen Start ins Turnier. Der Druck auf meine Mannschaft war riesig. Aber wie schon so oft in der Vergangenheit haben wir diesem Druck Stand gehalten", freute sich Trainer Bilek.

Sein Team zieht mit dem Sieg als Gruppen-Erster in die Runde der letzten Acht ein. Gastgeber Polen enttäuscht völlig, bleibt bei einer EM weiter sieglos und scheidet aus dem Turnier aus. Schade, denn im Gegensatz zu ihrem Team waren die polnischen Fans absolut EM-tauglich.

Daniel Mituta