1. Februar 2019 - 18:31 Uhr

Experten plädieren für Unisex-Toiletten

In drei geplanten Grundschulen im Münchener Umland können Schülerinnen und Schüler bald womöglich zwischen drei WCs wählen: einem für Mädchen, einem für Jungen und einem für das sogenannte "dritte Geschlecht". Doch ist ein Unisex-Klo sinnvoll?

Durch Unisex-Toiletten Vorurteile abbauen?

Über entsprechende Vorschläge für neue Schulgebäude wird derzeit jedenfalls in den bayrischen Gemeinden Pullach, Taufkirchen und Garching beraten. In Pullach befinde man sich allerdings noch nicht in der Planung, so eine Gemeinde-Sprecherin. In Garching hingegen stehen laut der "tz" die Pläne schon, in Taufkirchen prüfe ein Architekturbüro die Idee.

In Deutschland können sich Menschen seit kurzem offiziell als "divers" bezeichnen - etwa, wenn sie zwar weibliche Geschlechtsorgane haben, gleichzeitig aber auch männliche Chromosomensätze. Oder wenn die Genitalien nicht eindeutig ausgebildet sind. Für Dorothea Weniger von der bayerischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sind die neuen Toiletten daher die logische Konsequenz. "Mittlerweile kann das dritte Geschlecht in die Geburtsurkunde eingetragen werden. Damit müssen auch die Strukturen angepasst werden und dazu gehört auch eine dritte Toilette in der Grundschule." Nicht zuletzt werde so auch ein neues Denken in Gang gesetzt und Diskriminierung vorgebeugt - das sei schließlich auch eines der pädagogischen Hauptziele an Schulen.

Wie sinnvoll sind die Pläne?

Doch ist die Wahlmöglichkeiten für Grundschüler sinnvoll oder zu früh? Der Münchner Kinderpsychologe Klaus Neumann etwa bezeichnet das Thema eher als "nice-to-have". Ihm seien aber keine ernstzunehmenden Untersuchungen oder Studien bekannt, die nachweisen, dass sich bereits Grundschüler der Geschlechterdifferenzierung bewusst sind. Auch ließe sich Diskriminierung selbst bei mehr als drei Toiletten nicht aus der Welt schaffen. Praktischer und realistischer wären aus seiner Sicht Unisex-Toiletten. Statt sich auf Toiletten zu fokussieren, wäre ein offener, annehmender Unterricht über Sexualität und alle dazugehörigen Fragestellungen sinnvoller, so der Psychologe.

Anders sieht das die Diplom-Psychologin Nora Gaupp vom Deutschen Jugendinstitut (DJI). "Ein substanzieller Anteil von Jugendlichen und Erwachsenen, die sich als transgender bezeichnen, berichtet davon, schon als Kind ein gewisses "Anderssein" gespürt zu haben. Das betonen auch Eltern von Transkindern." Wenn Kinder schon im Grundschulalter lernten, dass Mädchen und Junge nicht die einzige Option sind, könne das dazu führen, dass Vorurteile abgebaut werden. Gaupp hält allerdings Sitz- und Steh-Toiletten für die deutlich praktikablere Lösung. "Die machen die Binarität von Frauen und Männern nicht mehr notwendig - und es ist auch baulich einfacher, wenn man einfach beide vorhandenen Toiletten zu solchen Toiletten umbaut."

Toiletten speziell für Transidente wären im Freistaat ein Novum: Dem bayrischen Kultusministerium waren nach Angaben eines Sprechers noch keine Schulen bekannt, die aktuell eine solche anbieten. Nach Angaben des Bildungsreferates befasst sich derzeit eine "Arbeitsgemeinschaft dritte Option" mit dem Thema und der Frage, wie Toiletten an Münchner Schulen künftig aussehen sollen.

Warum transident und nicht transsexuell?

Lange sprach man von transidenten Personen als Transsexuelle. Dieser Begriff ist heute umstritten, da Transidentität nichts mit der Sexualität der betreffenden Person zu tun hat, sondern mit dem nach außen sichtbaren Geschlecht. Daher hat sich der Begriff Transidente oder Transgender etabliert. Auch der Begriff "Transvestit" für transidente Menschen ist nicht richtig. Transvestiten leben ihre "andere" Seite aus, indem sie sich entsprechend kleiden. Im Gegensatz zu Transmenschen fühlen sie sich in der Regel aber wohl mit ihrem körperlichen Geschlecht.

In einer Metaanalyse klinischer Studien betrug die Gesamthäufigkeit nach Angaben der
Bundesvereinigung Trans* e.V. (BVT) 4,6 auf 100.000 Menschen. Je jünger die Studien, desto höher sind die Zahlen, da dabei meist ein breiteres Verständnis von Trans* zugrunde gelegt wird. Dabei wären etwa rund ein Prozent der Bevölkerung darunter zu fassen - wobei nicht alle körperliche Veränderungen durch medizinische Maßnahmen wünschen.

Erste transidente Person im bayerischen Landtag

Tessa Ganserer ist Abgeordnete der Grünen im Bayerischen Landtag - und die erste offen transidente Frau in einem deutschen Parlament. Markus Ganserer, wie sich Tessa vorher nannte, wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, identifiziert sich aber mit dem weiblichen Geschlecht. Und jetzt, mit 42 Jahren, will Tessa auch nicht mehr als Mann, sondern als Frau leben. Sie ist damit die erste offen transidente Frau in einem deutschen Parlament. Wie die Kollegen mit ihrer Verwandlung umgehen, zeigt unser Video.