Was hat Großaktionär Heinz Hermann Thiele vor?

Lufthansa-Hilfe: Warum die Rettung der Fluggesellschaft an einem Mann scheitern kann

22. Juni 2020 - 16:46 Uhr

Lufthansa-Rettung weiter auf der Kippe

Die angepeilte staatliche Rettung des Lufthansa-Konzerns in der Corona-Krise steht weiter auf der Kippe. Denn drei Tage vor der außerordentlichen Hauptversammlung blieb am Montag die Strategie des neuen Großaktionärs Heinz Hermann Thiele unklar. Er alleine könnte die Lufthansa-Rettung kippen. Auch in den fortgesetzten Verhandlungen mit den Gewerkschaften um Sparbeiträge der Beschäftigten zeichnete sich zunächst keine Einigung ab.

Rätselraten über Motive des Milliardärs Heinz Hermann Thiele

Der 79 Jahre alte Milliardär und Industrielle Heinz Herrmann Thiele hatte sich in den vergangenen Monaten mehr als 15 Prozent der Lufthansa-Aktien gesichert und anschließend den angepeilten Staatseinfluss kritisiert. "Ich bin der festen Überzeugung, dass der Staat nicht der beste Unternehmer ist", so Thiele in einem Interview mit der "FAZ". Da laut Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr weniger als 38 Prozent der Stimmrechte bei der Hauptversammlung am Donnerstag vertreten sein werden, könnte Thiele allein die notwendige Zweidrittel-Mehrheit für den Staatseinstieg verhindern.

Sein Stimmverhalten auf der Hauptversammlung ließ Thiele offen. "Ich werde aber sicherlich hier nicht blockieren oder ausbremsen", so der Unternehmer. Er hofft vielmehr, dass er noch etwas ändern kann. Dann werde er sich eine "abschließende Meinung" bilden.

Gelegenheit dazu könnte es bei neuen Gesprächen mit dem Bund geben. Thiele werde im Laufe des Tages mit Finanzminister Olaf Scholz und Lufthansa-Chef Spohr zusammenkommen, berichtete die "Bild am Sonntag". Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge ist auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier dabei.

Spekuliert wird, dass Thiele möglicherweise davon ausgeht, auch bei einer Insolvenz zu profitieren - nämlich dann, wenn die Lufthansa filetiert wird. Dahinter steht die Annahme, dass eine Zerschlagung der Lufthansa mit dem Verkauf der Töchter Austrian und Swiss sowie der Lufthansa-Technik ein gutes Geschäft wäre. Hinzu kommt noch die Lufthansa-Flotte, die Milliarden wert ist. Die "Zeit" berichtet unter Berufung auf einen Insider, dass bei einer Insolvenz mit Zerschlagung unter Berücksichtigung der Schulden mindestens eine Milliarde Euro mehr übrig wäre als der gegenwärtige Börsenwert. Ob der Selfmade-Milliardär das tatsächlich in Erwägung zieht, ist allerdings offen. Zumal es fraglich ist, ob Thiele als Totengräber der Lufthansa mit 138.000 Arbeitsplätzen gelten will.

Staat will im Rahmen der Staatshilfe 20 Prozent der Lufthansa übernehmen

Das Unternehmen hat sich nach Spohrs Worten bereits auf das mögliche Scheitern des Rettungsplans vorbereitet. Man habe umfangreiche Vorbereitungen getroffen, um einen abrupten Stopp des Flugbetriebs zu verhindern, hatte er am Wochenende seiner Belegschaft schriftlich versichert. In der verbleibenden Zeit bis zur Anmeldung einer Insolvenz würde man dann mit der Bundesregierung weitere Optionen besprechen."

Die Gewerkschaft Verdi warnte vor einer Ablehnung des Rettungspakets. Der Lufthansa drohe in diesem Fall ein Insolvenzverfahren, erklärte die stellvertretende Verdi-Vorsitzende Christine Behle. "Eine Insolvenz würde die Beschäftigtenstrukturen der Lufthansa zerstören und das öffentliche Vertrauen in die Lufthansa nachhaltig beschädigen. Mit der staatlichen Hilfe können Arbeitsplätze erhalten und Einkommen gesichert werden", betonte Behle.

Der neun Milliarden Euro umfassende Rettungsplan für die Lufthansa sieht vor, dass der staatliche Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) im Zuge einer Kapitalerhöhung Aktien zeichnet, um eine Beteiligung von 20 Prozent am Grundkapital der Fluggesellschaft aufzubauen. Zudem sind stille Einlagen von insgesamt bis zu 5,7 Milliarden Euro sowie ein Kredit in Höhe von bis zu 3 Milliarden Euro geplant. Im Gegenzug für die Hilfe muss die Lufthansa 24 Start- und Landerechte an ihren wichtigen Flughäfen in Frankfurt und München an die Konkurrenz abgeben.

Ringen um Einsparungen beim Personal gehen weiter

Unternehmen sowie Vertreter der Gewerkschaften Ufo und Vereinigung Cockpit bestätigten nur die Fortsetzung der Verhandlungen am Montag, wollten aber keinen Zeitpunkt für eine mögliche Einigung mehr nennen. Ursprünglich war dieser Montag als Termin avisiert worden, um die Ergebnisse zumindest für das fliegende Personal noch vor der Hauptversammlung präsentieren zu können. Für das Bodenpersonal verhandelt Verdi nach eigenen Angaben erst am kommenden Freitag weiter.

Der von der Corona-Krise hart getroffene Konzern hat wegen der dauerhaft geringeren Nachfrage den weltweiten Personalüberhang auf 22.000 Stellen beziffert. Davon entfallen rund 11.000 Stellen auf Deutschland. Bei den Verhandlungen sollen nun Maßnahmen vereinbart werden, um möglichst viele Mitarbeiter an Bord zu halten. Das sind zum Beispiel ausgeweitete Teilzeitmodelle und der Verzicht auf Gehaltssteigerungen und Zulagen.

Die Sorgen um das Rettungspaket drückten die Anteile des Dax-Absteigers zwischenzeitlich deutlich um bis zu 9 Prozent, im weiteren Tagesverlauf erholte sich der Kurs aber wieder. Der Konzern mit 138.000 Beschäftigten rechnet damit, dass sich die Nachfrage im Luftverkehr nur langsam erholt. Derzeit hebt nur ein kleiner Teil der Lufthansa-Flotte ab. Im ersten Quartal brockte die Corona-Krise dem Konzern einen Verlust von 2,1 Milliarden Euro ein, und die Geldreserven schwinden schnell.

Wegen der Unsicherheiten musste die Aktie des Dax-Absteigers an ihrem ersten Handelstag im MDax deutliche Abschläge hinnehmen.


Quelle: DPA / RTL.de