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Lünen: Tatverdächtiger galt als aggressiv und unbeschulbar - Heute Rückkehr zur Normalität?

Lünen plant heute Unterricht wie immer
Lünen plant heute Unterricht wie immer Schweigeminute am Tag nach der Messer-Attacke 01:04

Schweigeminute in der ganzen Stadt.

Wie konnte es dazu kommen, dass ein 14-Jähriger an einer Schule in Lünen durch die Hand eines Mitschülers zu Tode kam? Während eine Mordkommission die Hintergründe ermittelt, geht der Schulbetrieb am Mittwoch weiter. Am Mittag gibt es eine Schweigeminute in Stadt.

Opfer hatte Mutter des Tatverdächtigen "provozierend angeschaut"

Polizisten begleiten am 23.01.2018 in Lünen (Nordrhein-Westfalen) Kinder über den Pausenhof der Käthe Kollwitz Gesamtschule. Ein Schüler soll von einem Mitschüler getötet worden sein. Ein minderjähriger Tatverdächtiger wurde im Rahmen einer Fahndung
Die Schüler und Angehörigen an der Käthe-Kollwitz-Schule werden von Seelsorgern betreut. © dpa, Bernd Thissen, btfdt

Die Polizei nahm den Tatverdächtigen fest. Nun hat die Staatsanwaltschaft Details zu einem möglichen Motiv bekannt gegegen: Der polizeibekannte 15-Jährige gab in der Vernehmung an, dass das Opfer seine Mutter "provozierend angeschaut" habe. Am Tag nach der Bluttat an der Käthe-Kollwitz-Schule in Lünen beginnt der Unterricht wie üblich um 8.15 Uhr. Der Unterricht soll auch nach Plan enden. Dazwischen liegen aber nicht Deutsch und Mathematik, sondern eine Schweigeminute und lange Gespräche zur Bewältigung des Schocks, wie die Schule mitteilte.

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Abend bekannt gaben, hatte der 15-Jährige am Morgen der Tat gemeinsam mit seiner Mutter einen Gesprächstermin mit der Sozialarbeiterin der Schule. Diese hatte den Teenager als "aggressiv und unbeschulbar" eingeschätzt, weshalb er zwischenzeitlich eine andere Schule besucht hatte. Nachdem diese Maßnahme scheiterte, sollte der 15-Jährige nun wieder die Käthe-Kollwitz-Gesamtschule besuchen.

Kriminologe: "Gewalttat eine absolute Ausnahme - Elterliche Liebe hat zugenommen"

Lünen: Tatverdächtiger galt als aggressiv und unbeschulbar - Heute Rückkehr zur Normalität?
Ein Schüler zündet vor der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen (Nordrhein-Westfalen) eine Trauerkerzen an. © dpa, Guido Kirchner, gki htf

Während des Wartens auf das Gespräch traf das spätere Opfer auf den Täter. Nach Angaben des Tatverdächtigen habe der 14-Jährige seine Mutter mehrfach "provozierend angeschaut". Dadurch fühlte sich der 15-Jährige derart gereizt, dass er seinen Mitschüler mit einem Messer in den Hals stach. Schon im Vorfeld der Tat war es  zu Streitigkeiten zwischen dem späteren Opfer und dem Tatverdächtigen gekommen.

Immerhin: Der Kriminologe Christian Pfeiffer sieht in dem gewaltsamen Tod eines 14-jährigen Schülers in Lünen einen extremen Ausnahmefall. Alle Statistiken zeigten, dass Gewaltdelikte an Schulen und auch Tötungsdelikte von Jugendlichen extrem rückläufig seien. Pfeiffer verwies darauf, dass die Zahl der Kinder, die an Schulen so schwer verletzt würden, dass sie ins Krankenhaus müssten, von 1997 bis 2016 um 64 Prozent gesunken sei. Diese Daten würden exakt erfasst. Seien in den 1950er, 1960er bis in die 1970er Jahre noch 20 Prozent der Kinder misshandelt worden, liege dieser Wert heute bei fünf Prozent. "Die elterliche Liebe hat sich deutlich erhöht. Je jünger eine Altersgruppe desto stärker ist der Rückgang der Gewalt. Die Jüngsten profitieren am stärksten vom Wandel der Erziehungskultur: mehr Liebe, weniger Hiebe."

"Unser tiefes Mitgefühl und unsere Anteilnahme gelten der Familie des Opfers"

Lünens Bürgermeister Jürgen Kleine-Frauns zeigte sich "entsetzt und fassungslos" über die tödliche Gewalttat an einer Gesamtschule in seiner Stadt. "Diese schreckliche Tat macht mich tief betroffen. Unser tiefes Mitgefühl und unsere Anteilnahme gelten der Familie des Opfers", teilte Kleine-Frauns auf der Internetseite der Stadt mit.

"Unsere Gedanken sind aber auch auf die Schulgemeinde gerichtet. In diesen schweren Stunden sind wir für sie da. Es gibt keine Worte, die Trost spenden können. Aber wir werden zeigen, dass wir in Lünen in solchen Situationen zusammenstehen", hieß es weiter.

Kampf gegen Kinder- und Jugendkriminalität auch in der Landespolitik Thema

Die Käthe-Kollwitz-Schule ist eine von zwei Gesamtschulen in Lünen, einer Stadt am Rand von Ruhrgebiet und Münsterland. Nach Angaben der Stadtverwaltung besuchen 968 Schüler die Einrichtung. Die Schule hat mehrere Schwerpunkte. Neben einer musisch-künstlerischen Ausrichtung spielen Sprachen, Sport und naturwissenschaftliche, technische und mathematische Schwerpunkte tragende Rollen.

Zuletzt hatte der Kampf gegen Kinder- und Jugendkriminalität auch die Landespolitik bestimmt. Der frühere NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte ihn als "eine der wichtigsten Aufgaben der NRW-Polizei" bezeichnet. Immerhin war 2016 jeder fünfte Straftäter jünger als 21 Jahre, die Zahl war im zweiten Jahr infolge wieder angestiegen.

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