Er vertritt Angeklagten Stephan Ernst im Lübcke-Prozess

Exklusives Interview mit Strafverteidiger Mustafa Kaplan

28. Januar 2021 - 9:18 Uhr

"Ein außergewöhnliches und erschöpfendes Verfahren"

43 Verhandlungstage, Zeugen, Fragen, Emotionen: Im Prozess um den mutmaßlich rechtsextremistisch motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wird das Urteil mit Spannung erwartet. Hauptangeklagter ist der 47 Jahre alte Deutsche Stephan Ernst. Im exklusiven RTL-Interview erzählt sein Strafverteidiger Mustafa Kaplan, wie er das Verfahren und seinen Mandanten erlebt hat – im Video.

"Bin froh, dass das Verfahren jetzt zu Ende geht"

Der Prozess um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist sicherlich einer der aufsehenerregendsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre.
Der Prozess um den gewaltsamen Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist sicherlich einer der aufsehenerregendsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre.
© dpa, Uwe Zucchi, htf jai rho fie hus axs

"Ich bin froh, dass das Verfahren jetzt zu Ende geht. Es war auch für mich ein sehr, sehr außergewöhnliches Verfahren", sagt der Kölner Strafverteidiger Mustafa Kaplan im Interview mit RTL. Schon die Tatsache, dass er als türkisch-stämmiger Jurist einen mutmaßlichen Rechtsextremisten vertritt, sei zunächst ungewöhnlich gewesen. Den Hauptangeklagten Stephan Ernst habe er stets als offen erlebt, als Menschen "dem das Leben nicht so wohl gesonnen gewesen ist", sagt Kaplan.

Dem 47-Jährigen wird vorgeworfen, den Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke in der Nacht zum 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha (Kreis Kassel) erschossen zu haben. Die Bundesanwaltschaft hat die Höchststrafe gefordert: Lebenslange Haft für Mord unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und anschließende Sicherheitsverwahrung. Kaplan plädierte dagegen auf eine Verurteilung wegen Totschlags, da die Mordmerkmale wie Heimtücke oder niedrige Beweggründe nicht gegeben seien. Der Schuss sei nicht aus dem Hinterhalt gekommen: "Die Tat sollte nicht anonym begangen werden, Herr Lübcke sollte sie sehen", sagte Kaplan.

Wer ist Stephan Ernst?

Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (r.) steht zu Beginn einer Verhandlung im Prozess im Fall des Mordes am ehemaligen Regierungspräsidenten W. Lübcke im Gerichtssaal.
Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (r.) steht zu Beginn einer Verhandlung im Prozess im Fall des Mordes am ehemaligen Regierungspräsidenten W. Lübcke im Gerichtssaal.
© dpa, Boris Roessler, brx fdt

Der Familienvater lebt auf den ersten Blick ein bürgerliches Leben. Doch schon als Jugendlicher kam er mit dem Gesetz in Konflikt, immer wieder auch wegen ausländerfeindlicher Straftaten: 1989 legte er Feuer im Keller eines Mehrfamilienhauses mit türkischen Bewohnern. Später stach er auf einen ausländischen Mitbürger ein, verübte einen Anschlag mit einer Rohrbombe auf ein Asylbewerberheim, schlug in U-Haft mit einem Stuhlbein auf einen ausländischen Mitgefangenen ein.

2009 war er in Dortmund an einem Angriff von Rechtsextremisten auf einer Kundgebung beteiligt. Danach zog er sich angeblich aus der Szene zurück, auch die Behörden hatten ihn nicht mehr im Fokus. Der Kontakt zu alten Kameraden, das zeigte sich auch im Prozess, blieb gleichwohl erhalten. Der Mord an Lübcke ist nicht die einzige Tat, für die sich Ernst vor dem OLG verantworten muss. Ihm wird auch versuchter Mord an einem irakischen Flüchtling vorgeworfen, der im Januar 2016 bei einem Messerangriff schwer verletzt wurde.

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