Löw setzt gegen 'Three Lions' auf Dortmunder Block

20. November 2013 - 17:03 Uhr

Aus London berichtet Stefan Giannakoulis

Nicht vorstellbar, aber wahr: Die deutschen Fußballer fahren mit der U-Bahn zum Training. Und lassen sich dafür feiern. Heute geht es in Wembley gegen England. Ein gnadenloser Bundestrainer Löw verbittet es sich, von einer B-Elf zu sprechen.

Joachim Löw, Deutschland, England
Bundestrainer Joachim Löw ist mit seiner Mannschaft per U-Bahn zum Abschlusstraining.
© Getty Images/Bongarts

Worum geht's eigentlich?

Wie sagte Joachim Löw so schön: "Es gibt junge Spieler, die müssen Erfahrung sammeln. Das ist noch mal ein echter Härtetest." Aber dass der Bundestrainer sie in London dann gleich mit der U-Bahn zur Arbeit schickt - Respekt. Der Mann schreckt vor nichts zurück. So geschah es gestern vor dem Abschlusstraining, was der DFB umgehend verkündete und flugs Fotos und ein Video ins Internet stellte. Zitat: "Nicht vorstellbar, aber wahr." Und nach diesem Stahlbad in der Realität müssen die abgefahrenen Jungmillionäre heute auch noch Fußball spielen: Ab 21 Uhr gastiert die deutsche Nationalmannschaft in Wembley, Gegner ist überraschenderweise England. Es ist der letzte Härtetest vor einer langen Pause, das nächste Länderspiel steht erst wieder am 5. März in Stuttgart gegen Chile an. Und dann beginnt auch schon sehr bald die Weltmeisterschaft in Brasilien. Aber was kann diese Spieler jetzt noch schocken?

Wer spielt?

Was der Bundestrainer heute den 85.000 Zuschauen im ausverkauften Wembley-Stadion anbietet, ist, gemessen am Abenteuer U-Bahn, eher Schienenersatzverkehr. Auch wenn Löw betont: "Ich habe nicht das Gefühl, dass bei uns ein B-Team spielt oder wir respektlos mit dem Gastgeber umgehen." Aber er verändert nun einmal seine Startelf im Vergleich zum Spiel in Italien auf voraussichtlich acht Positionen. Wenn wenigstens Philipp Lahm dabei wäre, der hätte in seiner ihm eigenen Akribie in Nullkommanichts den Londoner Netzplan auswendig gelernt. Doch der Kapitän darf sich wie sein Vereinskollege, Torhüter Manuel Neuer, in München ausruhen. Auch Mesut Özil gönnt der Bundestrainer eine Auszeit. Wobei es schon großer Sport ist, den grippegeschwächten Mittelfeldspieler erst nach Mailand zu beordern, damit er sich beim 1:1 gegen Italien eine halbe Stunde über den Platz schleppt - und ihn dann heute in der Stadt zu schonen, in der er beim FC Arsenal beruflich zu Hause ist.

Aber kommen wir zur Personalie des Tages: Roman Weidenfeller feiert im biblischen Alter von 33 Jahren nach 301 Bundesligaspielen für Borussia Dortmund nach der U-Bahn-Premiere mit dem DFB nun auch sein Debüt in der Nationalelf. "Er ist eine gereifte Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung im Tor", sagt der Bundestrainer. Weidenfeller selbst ist ernsthaft glücklich, hat er doch fast sein ganzes Fußballer-Leben auf diesen Moment gewartet: "In Wembley zu spielen, ist immer etwas ganz Besonderes." Überhaupt haben die Dortmunder ihren großen Tag: Innen verteidigt, zumindest für eine Halbzeit, Mats Hummels, links Marcel Schmelzer, vor ihm auf dem Flügel spielt Marco Reus, und Sven Bender übernimmt im defensiven Mittelfeld den Job des verletzten Sami Khedira.

Daneben werden sechs Nicht-Dortmunder in der Startelf erwartet: Per Mertesacker vom FC Arsenal in der Innenverteidigung, der als Lokalmatador auch die Tickets für die U-Bahn lösen durfte, Schalkes Benedikt Höwedes hinten rechts, Toni Kroos als einziger Spieler des FC Bayern neben Sven Bender auf der Doppelsechs, Leverkusens Sidney Sam auf dem rechten Flügel, Julian Draxler in der Mittelfeldzentrale - und Max Kruse von Borussia Mönchengladbach im Sturm. B-Elf oder nicht? Oder doch U-Elf? Entscheiden Sie selbst.

Wie ist der Gegner drauf?

Wir sagen nur ein Wort: Joe Hart. Der Torhüter sitzt nach mehreren Aussetzern und einem Patzer beim 1:2 gegen den FC Chelsea vor drei Wochen bei Manchester City nur noch auf der Bank. Manuel Pellegrini, chilenischer Coach des Scheichklubs, kennt da kein Pardon - und die Engländer haben wieder einmal ein Torwartproblem. Dabei hatten sie auf der Insel schon gedacht, der 26 Jahre alte Hart sei endlich einer, der auch international mithalten kann. Nationaltrainer Roy Hodgson setzt trotzdem auf ihn. "Er kann zeigen, dass er seinen Platz im Team verdient hat."

Bleibt die Frage, wie das Publikum reagiert, wenn er sich gegen die deutsche Mannschaft einen Fehler erlaubt. Denn die Stimmung ist trotz der Startberechtigung für die WM auch so eher mau, am Freitag verloren die Engländer mit 0:2 gegen das ebenfalls für Brasilien qualifizierte Chile. Das Boulevardblatt 'The Sun' urteilte: "Wenn wir so spielen, sitzen wir im ersten Flieger, der Rio verlässt." Wie gut, dass sie wenigstens einen Wayne Rooney in ihren Reihen haben. Der Stürmer gibt sich selbstbewusst: "Es ist immer schön, die Deutschen zu schlagen." Hoffnung macht auch, dass Kapitän Steven Gerrard und Stürmer Daniel Sturridge, derzeit erfolgreichster Torjäger der Premier League, wieder dabei sind.

Übrigens: Auch Hodgson fährt gerne mit der U-Bahn durch London. Wie im Herbst vergangenen Jahres. Höflich, wie er ist, plauderte er in der Tube mit einigen Fans. Die fragten ihn, ob Manchester Uniteds Verteidiger Rio Ferdinand für die anstehenden WM-Qualifikationsspiele gegen San Marino und Polen nominieren werde. "Ich glaube nicht", hatte Hodgson geantwortet. Und sich gewundert, dass die Geschichte am nächsten Tag in den Zeitungen stand. "Das ist wohl eine der Gefahren, wenn man mit der U-Bahn fährt."

Quelle: n-tv.de

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