Oh Happy Days!

Sehnsucht einer Mutter nach ein bisschen Normalität – für die Kinder!

Vor Corona: Kinder spielen mit Körperkontakt auf einem Trampolin
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11. Februar 2021 - 13:50 Uhr

von Marit Hansen*

Der nächste Gipfel mit Kanzlerin und Länderchefs, die nächste Lockdownverlängerung. Diesmal bis zum 7. März, aber wie es danach weiter geht, ob der Lockdown wieder verlängert wird und wir weiterhin in unserem Alltag mit harten Einschränkungen leben müssen, das kann im Moment niemand sagen. Vor allem für unsere Kinder bedeutet das, dass sie immer noch und immer weiter auf eine normale Kindheit verzichten müssen. Keine normale Kindheit leben und erleben dürfen. Mir tut das einfach nur wahnsinnig Leid, weil wir ihnen jetzt eben auch nicht sicher sagen können "Hey, es sind nur noch vier Wochen. Das schaffst du jetzt auch noch!"

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Das große Kind

An Weiberfastnacht vor einem Jahr hatten wir zum letzten Mal das Haus voller Kinder. Da hat unser großes Kind seine "traditionelle Karnevalsparty" geschmissen, wie jedes Jahr seit vier Jahren. Ich freute mich für ihn, weil es für ihn und seine Freunde einen tollen Nachmittag bedeutete. Mit Stopptanz und Limbo, Kuchen und Pizza. Mir graute es nur vor den Stunden in der Küche vor der Party und dem stundenlangen Aufräumen nach der Party. Aber gut, es war normale Kindheit. Und daran denke ich gerade sehnsuchtsvoll zurück. Denn heute können wir nicht mal im Traum daran denken, unsere Haustür für 8 Gäste im Grundschulalter zu öffnen.

Und heute denke ich, wie schön es wäre, wenn unser großes Kind doch einfach wieder Kind sein dürfte. Sich mit Freunden treffen und zusammen lachen, mit ihm gemeinsam für das nächste Schwimmabzeichen zu trainieren, mal ins Kino oder einen Freizeitpark gehen. Stattdessen erklären wir immer wieder, warum dies nicht geht und das nicht möglich ist und bitten um Verständnis und malen uns zusammen mit dem großen Kind aus, was wir alles machen werden, wenn Corona endlich mal vorbei ist. Da sind wir sicherlich nicht die einzigen Eltern. Aber verlangen wir da nicht langsam ein bisschen viel von unseren Kindern? Ständig verzichten, ständig Verständnis zeigen?

Die psychischen Auswirkungen von Corona auf das Leben von Kindern sind erst kürzlich untersucht worden. Die Ergebnisse sind besorgniserregend. Fast jedes dritte Kind leidet knapp ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten, Sorgen und Ängste haben zugenommen. Da kommt viel Arbeit auf Erzieher, Lehrer und Experten zu. Ob die Politiker sich darauf genauso "gut" vorbereiten und Hilfen zur Verfügung stellen wie im Sommer, als vielen bereits klar war, dass Schulen in puncto Digitalisierung eine Schippe drauf legen müssen? Das hat ja auch eher halbherzig geklappt, finde ich. Dazu heißt es nur vielsagend im RTL-Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Auch wenn wir wieder auf machen, Schritt für Schritt, dann werden wir noch viel nachzuarbeiten haben. Da werden wir gucken müssen, wo müssen wir helfen?" Ich hoffe inständig, dass hinter den politischen Kulissen jetzt schon an diesen Hilfen gearbeitet wird und die leeren Worthülsen mit Leben gefüllt werden. Dass wirklich schnell konkrete Hilfsangebote vorliegen, auch im Hinblick auf die schulische Bildung, so dass vor allem Kinder aus sozialschwachen Familien nicht total abgehängt werden.

Das kleine Kind

Das kleine Kind befindet sich im zweiten Lebensjahr und lebt zur Zeit nur in unserer kleinen, überschaubaren Welt: Haus, Garten, Spielplatz usw. Und wir können uns dankbar und glücklich schätzen, dass wir so leben und nicht zu fünft auf 70 Quadratmetern ohne Balkon. Das ist mir bewusst. Aber wie gerne würde ich ihm aber einfach mehr von der Welt zeigen. Damals, zwischen Schlafmangel und Stillmarathon im ersten Lebensjahr, als Corona noch weit weg war, hatte ich mir ausgemalt, was wir alles im nächsten Jahr zusammen machen könnten. Ich wollte mit dem kleinen Kind in den Zoo, zu den imposanten Elefanten und den lustigen Erdmännchen. Die passenden Tiergeräusche hat mein Kind inzwischen drauf und brüllt wie ein Löwe, wenn es einen in einem Bilderbuch sieht. Aber es kennt solche Tiere eben nur aus einem Bilderbuch, nicht in der Realität.

Wie gern würde ich mit ihm schwimmen gehen, weil es so viel Spaß am und mit Wasser hat. Stattdessen mache ich mit ihm kleine Wassergewöhnungsübungen in der Badewanne. Ob das hilft, damit es später keine Angst im Schwimmbad bekommt? Experten befürchten bereits, dass Corona eine Generation Nichtschwimmer zu Tage fördert. Ich würde mir für das kleine Kind so sehr wünschen, dass es mehr bzw. überhaupt Kontakt mit anderen Kleinkindern haben darf. Damit es nicht nur immer mit mir, meinem Mann und dem großen Kind spielen muss, sondern auch lernt, mit Gleichaltrigen zu interagieren. So dass es sich normal sozial entwickeln kann. Stattdessen sprinte ich auf dem Spielplatz direkt los, um es wegzuholen, sobald andere Kinder meinem Kind sehr nahe kommen.

Vor meinem geistigen Auge male ich mir aus, wie viele Kinder und Kleinkinder zur Zeit in kleinen Wohnungen vor sich hin spielen und überhaupt nicht mehr vor die Tür kommen. Das finde ich traurig. Wie arbeiten eigentlich gerade die Jugendämter, um Kinder mit schwierigen familiären Hintergrund zu unterstützen? Experten befürchten, dass es vermehrt Gewalt in Familien gibt. Das besorgt mich auch, deswegen finde ich es in dieser Zeit umso wichtiger, dass Nachbarn ein Auge aufeinander haben und nicht zögern, sich zu bei der Polizei oder anderen Institutionen melden, wenn ihnen etwas auffällt. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig den Finger heben.

Wie geht es weiter?

Mir fehlt für unsere Kinder ganz einfach die Perspektive auf ein möglichst normales Leben, vor allem, nachdem "35 die neue 50" ist und gestern mal eben die Inzidenzzahlgrenze, wann wir mit Lockerungen rechnen dürfen, knallhart nach unten korrigiert wurde. Ich finde es gut, dass es zumindest in einigen Bundesländern jetzt Öffnungsperspektiven für Schulen und Kindergärten gibt – auch wenn das für Lehrer und Erzieher eine erhöhte Infektionsgefahr bedeutet. Aber das bedeutet in meinen Augen eben auch, dass Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen, die in den letzten Monaten vielleicht "untergegangen" sind und psychische Probleme haben und vielleicht sogar körperliche Gewalt erleben mussten, gesehen werden und hoffentlich schnell die Hilfe bekommen, die sie benötigen, wenn es ihnen schlecht geht.

Seit einem Jahr heißt es für größere Kinder nur verzichten. Keine Kindergeburtstage, keine Hobbys. Stattdessen ständige Ermahnungen: Halt Abstand! Wasch dir die Hände gründlich! Dazu kommt noch, dass Eltern im Homeschooling zu den Lehrern ihrer eigenen Kinder werden, was naturgemäß nicht ohne Streitereien, Frust und Tränen abläuft. Was macht das mit der kindlichen Psyche auf Dauer und auch dem Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern? Ich hoffe, dass einfach viele schöne Erlebnisse in der hoffentlich nicht allzu fernen Zukunft einen Ausgleich zu dieser Zeit der Einschränkungen schaffen können. Für meine Kinder freue ich mich so sehr auf die Zeit nach Corona, zumindest auf eine Zeit mit Lockerungen. Wenn wir endlich nicht mehr immer nur ein- und dieselben Sachen unternehmen können, wenn wir Oma und Opa nicht nur per Skype, sondern in echt sehen und umarmen können. Damit die Kinder eben endlich wieder die Chance auf eine normale Kindheit haben – mit Freunden und großen und kleinen Alltagserlebnissen.

*Unsere Autorin hat diesen Artikel unter einem Pseudonym veröffentlicht.