Lira-Drama eskaliert nach Rauswurf von Notenbankchef

Wie Präsident Erdogan die türkische Wirtschaft in den Abgrund reißt

22. März 2021 - 15:06 Uhr

Präsident Erdogan wirft Notenbankchef Naci Agbal raus

In der Türkei haben die Finanzmärkte mit drastischen Kurseinbrüchen auf die überraschende Entlassung des Notenbankchefs des Landes reagiert. Am Montag gerieten die türkische Währung, die Börse in Istanbul und Staatsanleihen des Schwellenlandes massiv unter Druck. Zeitweise verlor die türkische Lira über 15 Prozent an Wert. Im Video erklärt Finanzmarkt-Expertin Sabrina Marggraf, was das für die Türkei bedeutet.

Türkische Notenbank hatte Leitzins um 2 Prozentpunkte erhöht

In der Nacht zu Samstag hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Zentralbankchef Naci Agbal nach nur wenigen Monaten im Amt entlassen. Die Entscheidung erfolgte kurz nachdem die türkische Notenbank den Leitzins im Kampf gegen die hohe Inflation überraschend deutlich um 2,0 Prozentpunkte auf 19 Prozent angehoben hatte. Neuer Notenbankchef wird der staatliche Nachrichtenagentur Anadolu zufolge Sahap Kavcioglu, ehemaliger Abgeordneter von Erdogans Regierungspartei AKP. Zuvor hatte sich Erdogan immer wieder für niedrigere Zinsen stark gemacht.

Zuletzt wurden am Devisenmarkt für einen US-Dollar 7,93 Lira gezahlt. Auch zum Euro stand die Lira stark unter Druck und wurde zuletzt für 9,44 Lira je Euro gehandelt.

Eine ähnlich verheerende Wirkung zeigte der überraschende Wechsel an der Spitze der türkischen Notenbank bei der Kursentwicklung von Staatsanleihen. Die in der heimischen Währung begebenen Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren erlitten einen heftigen Kurseinbruch, während die Rendite im Gegenzug um mehr als drei Prozentpunkte anstieg. Auch am türkischen Aktienmarkt gab es einen Ausverkauf. Der türkische Aktienindex BIST National 100 fiel im Vormittagshandel um 9,66 Prozent auf 1381,22 Punkte.

So reagiert die deutsche Wirtschaft auf die Lira-Turbulenzen

Die von der überraschenden Absetzung des Notenbankchefs durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ausgelöste Abwertung der Lira besorgt auch die deutsche Wirtschaft. "Die Schwankungen der türkischen Lira sind für die Unternehmen im Exportgeschäft eine große Herausforderung", sagte der Leiter der Außenwirtschaft beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Ulrich Ackermann, am Montag. Zwar hätten die Kunden des Maschinenbaus gelernt, damit umzugehen. "Auch hier gilt jedoch, dass ein Wechselkurs, der sich in ruhigen Bahnen bewegt, für Investitionen und Exporte hilfreich wäre", sagte Ackermann.

Die deutsche Wirtschaft verkaufte 2020 Waren im Wert von mehr als 21 Milliarden Euro in die Türkei, die damit Platz 16 in der Rangliste der wichtigsten Kunden einnimmt. Angesichts dieser Bedeutung hat auch die Chemieindustrie ein großes Interesse an einer wirtschaftlich stabilen Türkei. "Politisch motivierte Eingriffe in die Geldpolitik und die dadurch ausgelösten Wechselkursschwankungen bereiten den Unternehmen zunehmend Sorgen", hieß es beim Verband der Chemischen Industrie (VCI).

"Das Vertrauen in die türkische Geldpolitik und deren Unabhängigkeit nahm mit dem Beschluss des Staatsoberhauptes bitterlichen Schaden", kommentierte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, den Schritt. Da das Land unter einem großen Berg von Fremdwährungskrediten leide, werde die Währungsschwäche zu einem akuten Problem. Durch den Lira-Absturz wird es teurer, die Darlehen zu bedienen.

Quelle: Reuters / DPA / RTL.de