Immer mehr Wirkstoffe nicht lieferbar

Liefer-Engpässe: Deutschen Apotheken gehen die Medikamente aus

14. Oktober 2019 - 15:38 Uhr

Liefer-Engpässe: Sogar Ibuprofen wird knapp

"Haben wir nicht mehr", "ist zurzeit nicht lieferbar" – solche Sätze hören Kunden in deutschen Apotheken immer öfter. Wegen Liefer-Engpässen sind etliche Medikamente knapp, teilweise wochen- und monatelang. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) listet seitenlang sogenannte "versorgungsrelevante Medikamente" auf, die aktuell nicht geliefert werden können – Mittel, die für die Behandlung von Patienten besonders wichtig sind und daher dringend gebraucht werden.

Medikamenten-Knappheit: Hauptproblem sind dünne Lieferketten im Ausland

Rund 250 Meldungen über eingeschränkte Verfügbarkeit und Liefer-Engpässe liegen dem BfArM aktuell vor – darunter mehr als 100 Meldungen zum Blutdruck-Senker Valsartan. Aber auch Antidepressiva, Schilddrüsen-Medikamente, das Blutkrebsmittel Cytarabin und sogar Allerweltsmittel wie Kochsalzinfusionen und Ibuprofen sind betroffen.

Schuld sind in vielen Fällen die Hersteller selbst. Um Geld zu sparen und den Profit zu steigern, lassen sie die Wirkstoffe für ihre Medikamente oft nur noch im Ausland herstellen, wo es besonders billig ist – vor allem in China und in Indien. Dort sind die Unternehmen dann häufig von nur einem einzigen Lieferanten abhängig, der mehrere Produkte auf einmal bereitstellt. Liefersicherheit? Fehlanzeige.

Denn es genügen schon kleine Probleme bei der Herstellung – etwa, weil eine Maschine ausfällt, es Qualitätsmängel gibt oder Rohstoffe nicht rechtzeitig nachgeliefert werden – und ein Medikament kann nicht mehr produziert werden. Die Reserven sind schon nach wenigen Tagen aufgebraucht, Patienten müssen Wochen und Monate auf neue Arzneimittel warten.

Rabattverträge: Kassen sparen Milliardenbeträge

Auf RTL-Anfrage teilte das BfArM mit: "Ein Liefer-Engpass muss nicht gleichzeitig ein Versorgungs-Engpass sein, da oftmals alternative Arzneimittel zur Verfügung stehen, durch die die Versorgung der Patientinnen und Patienten weiter sichergestellt werden kann." Das BfArM prüfe bei gemeldeten Liefer-Engpässen, ob Alternativpräparate verfügbar seien. Tatsächliche Versorgungs-Engpässe gebe es deshalb relativ selten.

Verschärft wird das Problem allerdings durch Rabattverträge, die Krankenkassen mit einzelnen Herstellern aushandeln. Mit solchen Rabattverträgen sparen die Kassen teilweise Milliardenbeträge auf die Mittel eines bestimmten Herstellers – und sichern umgekehrt zu, dass ihre Patienten im Normalfall ausschließlich diese rabattierten Medikamente bekommen.

Sofern diese denn lieferbar sind. Denn viele Hersteller produzieren nur die jeweils ausgehandelten Mengen. Steigt aber plötzlich der Bedarf, müssen Apotheker auf andere Hersteller ausweichen – die sind aber meist selbst nicht darauf vorbereitet. Die Folge: ein Engpass.

Arznei-Engpässe: Apotheker fordern Vorräte wichtiger Medikamente

Wegen Liefer-Engpässen: Über 200 Medikamente sind in deutschen Apotheken aktuell nicht erhältlich – zum Beispiel Antidepressiva, Schilddrüsen-Medikamente und Ibuprofen.
Rund 250 Meldungen über Liefer-Engpässe liegen den Behörden aktuell vor – darunter zu Antidepressiva, Schilddrüsen-Medikamenten und Ibuprofen.
© dpa, Matthias Hiekel, mhi; cse fdt rho dna sis

Ärzte und Apotheker fordern mittlerweile bundesweit neue Gesetze, um das Problem in den Griff zu kriegen. So sollen Pharmaunternehmen dazu verpflichtet werden, für versorgungsrelevante Medikamente einen Mindestvorrat zu halten, und bei ausbleibenden Lieferungen härter bestraft werden. Auch die Politik nimmt die Engpässe ins Visier: Aus der SPD etwa kommt Montagfrüh die Forderung, dass Pharma-Firmen ab sofort per Gesetz dazu verpflichtet werden müssten, wichtige Medikamente in Deutschland herzustellen.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels war von mehr als 500 Medikamenten die Rede, die von Liefer-Engpässen betroffen seien. Tatsächlich liegen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte aktuell rund 250 Meldungen über Lieferengpässe vor. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.