Frühstart Corona Spezial mit Dr. Barbara Rothmüller

Corona, Sex und Zärtlichkeit

06. Juni 2020 - 13:05 Uhr

Corona hat unsere Beziehungen verändert

Mehr als 4.700 Menschen haben der Soziologin Barbara Rothmüller Auskunft über die Veränderungen ihrer Freundschaften, ihrer Paarbeziehungen und ihres Single-Daseins während der Ausgangsbeschränkungen gegeben. Am einsamsten fühlten sich die 18 bis 20jährigen. Die meisten Paare hatten dagegen viel Spaß und haben die Zeit miteinander genossen. Viele Menschen haben außerdem neue Sexpraktiken ausprobiert. Einzelheiten zu den ersten Studienergebnissen sehen Sie im Video!

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Suche nach festen Coronapartnern

Die Coronakrise hat unser Verhältnis zu anderen Menschen grundlegend verändert. Nähe wird wegen der Ansteckungsgefahr plötzlich als etwas Bedrohliches wahrgenommen. Das stellt die Wiener Soziologin Barbara Rothmüller in ihrer Studie "Liebe, Intimität und Sex in Zeiten von Corona" fest. So ging der Trend während der Ausgangsbeschränkung zu einer "Monogamisierung". Jeder Fünfte, der auf Dating-Plattformen unterwegs war, suchte für die Zeit der Pandemie nach festen Coronapartnern. 

Neues Gefühl für Distanz zu anderen Menschen

Mehr als drei Viertel der Befragten (78 Prozent) haben laut Studie ein neues Gefühl für Distanz entwickelt. So klingeln bei vielen zum Beispiel die Alarmglocken, wenn sie Filmszenen sehen, in denen sich Menschen näher kommen, als es das Abstandsgebot zulässt. Bei 36 Prozent  ist dieses Gefühl stark ausgeprägt, bei 42 Prozent zumindest teilweise. 

Während der Ausgangsbeschränkungen fühlten sich vor allem die Jüngeren stark isoliert – bei den 18-20-Jährigen sagte das eine große Mehrheit von 68 Prozent. Laut Studie nehmen diese Isolationsgefühle aber im Alter ab. "Gerade junge Leute haben sehr stark ihre Kontakte reduziert, bei Älteren habe ich gesehen, dass die Kontakte stabiler waren", sagt Studienleiterin Dr. Barbara Rothmüller.

Lust auf Sex in der Pandemie

Fast die Hälfte gab an, dass sich ihre Lust auf Sex seit der Pandemie verändert hat: 24 Prozent haben weniger Lust, doch bei 22 Prozent ist das sexuelle Begehren gestiegen. "Ich glaube, dass allgemein die Pandemie dazu geführt hat, dass viele neue sexuelle Praktiken ausgeführt haben, davon sind digital vermittelte Praktiken ein Teil", sagt Studienleiterin Rothmüller.

Ein großer Teil der Befragten habe angegeben, zum Beispiel sexuelle Textnachrichten und Nackfotos verschickt zu haben, sehr häufig auch mit dem festen Partner/der festen Partnerin. Viele Paare, die nicht zusammenleben, waren durch die Ausgangs- und Reisbeschränkungen von einander getrennt, Sexualität könnte in diesen Fällen nur digital ausgelebt werden.

Mehrheit der Paare hatte während der Ausgangsbeschränkungen "viel Spaß" miteinander

Neben der Zunahme an Konflikten bis hin zur häuslichen Gewalt, genoss die Mehrheit der Paare die gemeinsame Zeit während der Ausgangbeschränkungen und gab an "viel Spaß" zu haben. "Es gibt Paare, die die Zeit genutzt haben, um häufiger auch Gespräche mit ihrem Partner/ihrer Partnerin zu führen" so Rothmüller.

Einige berichten von einem Aufblühen der gemeinsamen Sexualität. Ein Babyboom ist laut Rothmüller aber nicht zu erwarten: Dafür sei die Pandemie mit zu vielen Unsicherheiten verbunden. Ein Kinderwunsch ist – da sind sich Soziologen einig – sehr stark an Sicherheit orientiert. "Das heißt, dass alles, was für Unsicherheit sorgt in der Lebensplanung häufig dazu führt, dass Menschen ihren Kinderwunsch aufschieben", folgert die Studienleiterin.

Für die richt-repräsentative Studie haben 4.706 Menschen ab 18 Jahren aus Deutschland und Österreich einen Onlinefragebogen ausgefüllt.

Frühstart Corona Spezial bei Audio Now

Das gesamte Gespräch mit Barbara Rothmüller finden Sie auch im Podcast bei Audio Now.

TVNOW-Doku: "Was wir aus der Krise lernen"

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