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Lewis Hamilton: Schlechter Stil statt feine englische Art

Lewis Hamilton: Schlechter Stil statt feine englische Art

Nico Rosberg, Lewis Hamilton
Ziemlich beste Feinde im eigenen Team: Nico Rosberg und Diva Lewis Hamilton.
dpa, Fernando Bizerra Jr

Ein Kommentar von Daniel Grochow

Einen WM-Titel weniger als der Kontrahent, aber trotzdem große Töne spucken - ein Interview von Lewis Hamilton offenbart, dass der Brite mit dem Gewinn seiner dritten Weltmeisterschaft endgültig in einer anderen Welt angekommen ist. Anstatt die Leistungen von Sebastian Vettel zu würdigen und einen packenden Zweikampf für die kommende Saison anzukündigen, setzt der Mercedes-Pilot die nächste Spitze gegen einen Kollegen. Das sind keine Psychospielchen mehr, sondern nur noch eines: schlechter Stil.

Man ist es mittlerweile gewohnt, dass Lewis Hamilton so seine ganz eigene Sicht der Dinge hat. Er sieht sich nicht mehr nur als Formel-1-Pilot, dem keiner das Wasser reichen kann, sondern als überall in Erscheinung tretender Superstar. Durch die Fahrerlager stolziert er schon länger mit dicken Brillanten, bei Instagram & Co. veröffentlicht der Mercedes-Pilot regelmäßig Bilder von seinen dicken Autos, dem Privatjet, seinen Tattoos, seinen Muckis und natürlich von sich in jeder Lebenslage. Hamilton als Rap-Ikone, Hamilton als Mode-Zar, Hamilton als Schmuck-Designer - was kann dieser Typ eigentlich nicht?

Nun ja, verlieren zum Beispiel. Die vergangenen beiden Rennen haben gezeigt, dass sich Hamilton mit einem 2. Platz nicht mehr anfreunden kann. Seinem Kollegen Nico Rosberg zeigt er permanent die kalte Schulter, weicht ihm stetig aus, um ja keinen Blickkontakt zu haben. Das ist keine Rivalität mehr, das ist nur noch kindisch. Wenn man den Titel in der Tasche hat, sollte es doch drin sein, dem Stallgefährten zum Erfolg zu gratulieren. Stattdessen jammert Hamilton über Boxenfunk, wenn er auf der Strecke mal nicht vorbeikommt, beim Brasilien-GP kam er dann noch mit einer Idee um die Ecke, die den Teamgedanken ad absurdum führt: Er hätte ab kommender Saison gerne Trennwände in der Mercedes-Box.

Als wenn es nicht genug wäre, im teaminternen Duell eine schlechte Figur abzugeben, leistet sich Hamilton nun den nächsten verbalen Ausrutscher. Auf die Frage der 'Sport Bild', wen er sich selbst an die Seite stellen würde, antwortete der Mercedes-Mann: "Ich könnte Sebastian Vettel nehmen, ich habe sehr viel Respekt vor ihm. Aber wie gut ist er wirklich? Das ist schwierig einzuschätzen, weil er noch nicht mit einem Fahrer wie Fernando Alonso im gleichen Team gefahren ist. Sondern gegen Mark Webber, der nicht auf seinem Level war, oder einen Kimi Räikkönen, der momentan nicht auf seinem Leistungshöhepunkt ist."

Hamilton ist "ziemlich schnell überheblich geworden"

Lewis Hamilton, Jenson Butto, McLaren
Mit Jenson Button Im Team erlebte Lewis Hamilton, wie es ist, den Kürzeren zu ziehen.
dpa, McLaren-Mercedes

Kurzum heißt das: Hamilton zweifelt an den Fähigkeiten von Vettel, einem viermaligen Weltmeister, der seinen ersten F1-Sieg in einer Toro-Rosso-Möhre holte und dem Mercedes-Duo diese Saison in einem unterlegenen Ferrari das Leben schwer gemacht, ja sogar drei Mal den Sieg vor der Nase weggeschnappt hat. Hamilton ist dagegen in der luxuriösen Position, seit zwei Jahren im mit weitem Abstand besten Auto zu sitzen. Mit Rosberg hat er zudem einen Teamkollegen, dem in den entscheidenden Momenten zu oft die Nerven flattern. Darf Hamilton aus dieser Position heraus überhaupt derart große Töne spucken?

Zugegeben, auch Vettel fuhr bei seinen vier WM-Titeln mit Red Bull im damals besten Boliden und hatte in Person von Mark Webber keinen Stallgefährten, der ihm fahrerisch das Wasser reichen konnte. Hamilton lieferte sich anfangs bei McLaren dagegen packende Duelle mit Fernando Alonso, krönte sich 2008 zum Weltmeister, erlebte danach aber einen jähen Absturz: Zwischen 2009 und 2013 kam er in der Fahrer-WM nie über Platz 4 hinaus, gegen Jenson Button erlebte der Mann aus einem Städtchen im Süden von Englands, wie es ist, vom Teamkollegen in die Schranken gewiesen zu werden.

Das gleiche Schicksal hat Hamilton schon lange nicht mehr ereilt. Seit der Dominanz der Silberpfeile dominiert Hamilton auch die Formel 1. Von der einstigen Bodenständigkeit des 30-Jährigen, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, ist nicht viel geblieben. Wenn er keine Fehler mache, sei er nicht zu schlagen, hatte Hamilton kürzlich gesagt - und sich von Button dafür einen Konter eingefangen, den wohl viele unterschreiben würden: "Er ist ziemlich schnell überheblich geworden. Keiner von uns ist komplett. Wenn wir sein Auto hätten, könnten wir ihn sicher schlagen." Fraglich, ob Hamilton das genauso sieht.