„Man fühlt sich krank – obwohl man es gar nicht ist“

Letzter Ausweg Amputation? So gehen 3 Frauen mit dem Brustkrebsgen um

21. November 2019 - 20:08 Uhr

„Ich habe mich gar nicht mehr getraut, mich abzutasten“

Luisa (26), Christel (37) und Carola (42) haben eins gemeinsam: Sie alle haben eine Mutation des BRCA-Gens, das sogenannte Brustkrebsgen. Dadurch haben sie ein Risiko von 50 bis 80 Prozent, irgendwann einmal in ihrem Leben an Brustkrebs und eins von 40 bis 65 Prozent, an Eierstockkrebs zu erkranken. Wie die drei Frauen mit dieser ehöhten Erkrankungsgefahr umgehen, ob sie schon an eine Amputation der Brüste gedacht haben und wie ein eingekreister Zeitschriftenartikel ihrer verstobenen Mutter Luisa dazu gebracht hat, sich überhaupt erst auf das Brustkrebsgen testen zu lassen, sehen Sie oben in unserer Web-Doku.

Der Jolie-Effekt: Immer mehr Frauen lassen ihre Gene testen

Spätestens seit Angelina Jolie sich 2013 beide Brüste und die Eierstöcke entfernen ließ, um ihr aufgrund einer BRCA1-Mutation erhöhtes Krebsrisiko zu minimieren, beschäftigen sich immer mehr Frauen mit erblich bedingtem Brustkrebs. Vor allem in Familien, in denen Brust- und Eierstockkrebs gehäuft auftreten, kann es Sinn machen, mittels eines Gentests festzustellen, ob die als Brustkrebsgen bezeichneten Mutationen vorkommen.

Auch wenn man oft davon spricht, dass Betroffene "das Brustkrebsgen haben", ist dies nicht ganz richtig. Denn die Gene BRCA1 und BRCA2 (BRCA steht für BReast CAncer) hat jeder. Eigentlich helfen sie sogar dabei, die Entstehung von Tumoren zu unterdrücken. Doch bei einigen Menschen besteht eine Mutation dieser Gene, die auch weiterverebt werden kann.

Brustkrebs: Wann sollte man einen Gentest machen?

Brustkrebs ist mit 70.000 bis 75.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland die häufigste Krebsart bei Frauen. Doch nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle ist die Erkrankung erblich bedingt und auch dann ist nicht immer eins der (bisher) bekannten Brustkrebsgene schuld. Dennoch gibt es einige Risikofaktoren, bei denen Frauen überlegen sollten – am besten nach einem ausführlichen Gespräch beim Arzt – ob sie einen Gentest durchführen lassen wollen, um herauszufinden, ob sie eine Mutation der Brustkrebsgene haben.

Dazu gehören laut der Deutschen Krebsgesellschaft folgende Einschlusskriterien (bei Familienangehörigen, die miteinander blutsverwandt sind):

  • drei Frauen mit Brustkrebs
  • zwei Frauen mit Brustkrebs, mindestens eine davon vor dem 51. Geburtstag erkrankt
  • eine Erkrankung an Brustkrebs vor dem 36. Geburtstag
  • eine Frau mit beiseitigem Brustkrebs, die erste Erkrankung vor dem 51. Geburtstag
  • eine Frau mit Brustkrebs sowie eine Frau mit Eierstockkrebs
  • eine an Brust- und Eierstockkrebs erkrankte Frau
  • zwei an Eierstockkrebs erkrankte Frauen
  • ein Mann mit Brustkrebs sowie zusätzlich eine Frau mit Brust- oder Eierstockkrebs

Bei Frauen, bei denen diese Erkrankungen in der Familie vorgekommen sind, werden die Kosten für Beratung, Gentest und Früherkennungsprogramm in der Regel von der Krankenkasse übernommen.

Ich habe das Brustkrebsgen - und jetzt?

Auch wenn eine Mutation an einem der Brustkrebsgene festgestellt wird, heißt dies nicht sicher, dass man an einem Mamma- oder Ovarialkarzinom erkranken wird. Doch mit einem Risiko von bis zu 80 Prozent wollen Betroffene oft kein Risiko eingehen. Viele Frauen leben in der ständigen Angst, dass Brustkrebs ausbrechen könnte, vor allem, wenn sie den Leidensweg bei einem Familienmitglied begeleitet haben. Daher sollte man vorher auch gut überlegen, ob man überhaupt von dem Gendefekt wissen möchte – denn das Wissen kann bereits eine große psychische Belastung darstellen.

"Ich habe mich gar nicht mehr getraut, mich abzutasten", erzählt auch Christel in unserer Web-Doku. "Man fühlt sich krank – obwohl man es gar nicht ist." Sie entscheidet sich für eine Brustamputation – wie viele andere Frauen auch. Ganz gebannt ist die Gefahr dadurch nicht. Doch zumindest haben Betroffene so nicht nur ein sehr viel geringeres Risiko, sondern auch das Wissen, ihr Schicksal in die eigene Hand genommen zu haben.