Berichte von Gewalt gegen Flüchtlinge, Helfer und Journalisten

RTL-Reporter Stephan Richter auf Lesbos: Hilfsbereitschaft in Wut umgeschlagen

RTL-Reporter Stephan Richter vor einer geschlossenen Hilfseinrichtung auf Lesbos
RTL-Reporter Stephan Richter vor einer geschlossenen Hilfseinrichtung auf Lesbos
© RTL

05. März 2020 - 9:33 Uhr

Hilfsorganisationen ziehen ab, Flüchtlinge brauchen Hilfe

Auf der griechischen Insel Lesbos prallen Leid, Hilfsbereitschaft, Wut und Gewalt in der Flüchtlingskrise aufeinander. RTL-Reporter Stephan Richter berichtet, dass über 400 freiwillige Helfer die Insel verlassen haben sollen. Weil die frühere Hilfsbereitschaft vieler Einheimischer in Wut und teilweise sogar Gewalt gegen Flüchtlinge und alle, die sich für sie einsetzen, umgeschlagen sei, so Richter: "Nun stehen viele Hilfsbedürftige vor verschlossenen Türen und wissen nicht, wie sie ihren Alltag meistern sollen."

20.000 Migranten und Flüchtlinge harren auf Lesbos aus

Auf Lesbos leben derzeit nach Angaben des griechischen Staates fast 20.000 Flüchtlinge und Migranten. Das Flüchtlingslager Moria, ein ehemaliges Gefängnis, hat nur eine Kapazität von 2.800 Plätzen. Die übrigen Menschen campen um das Lager herum. "Die Hilfsorganisationen sind für sie eine wichtige soziale Stütze im Chaos", erklärt RTL-Reporter Stephan Richter. Sie hätten den Kindern im Lager einen Schulunterricht organisiert, Essen und Kleidung verteilt sowie einen entscheidenden Teil der medizinischen Versorgung sichergestellt. Das bricht weg, weil Helfer sich Gewalt ausgeliefert sehen.

"Die Lage auf Lesbos ist extrem angespannt", sagte Boris Cheshirkov, der für das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) vor Ort ist. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten seien angegriffen worden. Bei den Vermummten handele es sich allem Anschein nach um Einwohner der Insel. In griechischen Medien war auch von Rechtsradikalen die Rede. "Eine Erstanlaufstelle, die wir im Norden der Insel errichtet hatten, ist am Wochenende von Randalierern niedergebrannt worden", sagte Cheshirkov.

Pro Asyl fordert, alle Flüchtlinge auf das Festland zu bringen

Migrants who arrived on the island of Lesbos in the past four days, are seen at the port of Mytilene, as they wait to board a Greek navy ship, in Mytilene, Greece, March 4, 2020. REUTERS/Costas Baltas
Im Hafen von Mytilene harren Migranten aus, die erst vor wenigen Tagen auf der Insel Lesbos angekommen sind
© REUTERS, COSTAS BALTAS, CB /JAS

"Immer wieder Sorgen Gerüchte für Chaos und Ausschreitungen mit der Polizei", beschreibt der RTL-Reporter. Am Mittwoch beobachtete er, wie viele Flüchtlinge dem Gerücht folgten, Fähren würden die Menschen auf das griechische Festland bringen. "Darum sind hunderte an den Hafen der Hauptstadt von Lesbos gezogen und wurden von der Polizei teils sehr hart zurückgedrängt, da es natürlich keine Fähre Richtung Athen gab", erklärt Stephan Richter.

Die Hilfsorganisation Pro Asyl fordert, alle Flüchtlinge von den griechischen Inseln auf das Festland und in andere EU-Länder zu bringen. "Angesichts des humanitären Notstandes ist ein großangelegtes Aufnahmeprogramm aus Griechenland notwendig", teilte die Organisation am Mittwoch mit. Deutschland und andere EU-Staaten müssten die sofortige Aufnahme organisieren. D

Der Gouverneur der Insel Lesbos erklärt im RTL-Interview, dass er nicht glaube, dass das Problem auf Lesbos in den nächsten Monaten gelöst werden könne. Dafür sei die Initiative der griechischen Regierung und der europäischen Union viel zu schwach, sagt Konstantinos Moutzouris.