Lernen fürs Leben: Finnland will Schulfächer abschaffen

© dpa, Franziska Kraufmann

23. März 2015 - 20:41 Uhr

Lernen fürs Leben: Gastronomie und EU statt Mathe und Bio

Ausgerechnet Pisa-Spitzenreiter Finnland will eine radikale Reform seines weltweit gepriesenen Schulsystems wagen: Statt traditionell nach Fächern soll dort in Zukunft nach "Themen" unterrichtet werden. Das neue Modell soll sich näher an der Lebenswirklichkeit orientieren und Schüler besser aufs Berufsleben vorbereiten. So erübrige sich die Frage "wofür lerne ich überhaupt?", erklärte Helsinkis Schulmanagerin Marjo Kyllönen den Vorstoß im britischen 'Independent'.

"Das aktuelle Schulsystem ist veraltet", meint Kyllönen. "Wir brauchen ein Umdenken in Sachen Bildung und eine Änderung des Systems, damit es unsere Kinder künftig mit den Fähigkeiten ausstattet, die heute und morgen tatsächlich gebraucht werden." Ihr Ziel sei es, dass Schulen im ganzen Land bis 2020 nach fachübergreifenden Themenblöcken – oder wie die Finnen es nennen 'Phänomenen' – unterrichten. Einen entsprechenden Entwurf will Kyllönen noch diesen Monat der Stadtregierung vorstellen. Der Plan werde "nicht nur Helsinki betreffen, sondern ganz Finnland einschließen". Bis es soweit ist, sollen Schulen verpflichtet werden, sich mindestens einmal im Jahr mehrere Wochen lang dem thematischen Lernen zu widmen.

In einigen Berufsschulen seien solche Testphasen bereits angelaufen. Dort könne man etwa das Thema 'Gastronomie' belegen, sich in diesem Zusammenhang mit Abrechnungen, Sprachen (um ausländische Kunden bedienen zu können), dem Schreiben von Briefen, und Kommunikationsfähigkeiten auseinandersetzen. Für Schüler, die eine akademischere Laufbahn anstreben, gibt es zum Beispiel das Projekt 'Europäische Union', in dem es um die Geografie, Geschichte, Politik und Sprachen der Mitgliedsstaaten geht.

Co-Teaching, Gruppenarbeit und spielerisches Lernen

Doch damit nicht genug der Reform. Kyllönen ist eine große Befürworterin des sogenannten Co-Teaching: Im Zuge der Umstellung sollen Lehrer den Unterricht gemeinsam im Team gestalten, damit die Inhalte vom Input mehrerer Fachspezialisten profitieren. Es gibt sogar eine kleine Bonuszahlung für all jene, die diese neue Zusammenarbeit unterstützen. Zudem soll der Unterricht nicht mehr passiv-frontal stattfinden, sondern verstärkt in kleineren Grüppchen, die sich intensiv mit Themen beschäftigen, diskutieren und so ihre kommunikativen und sozialen Fähigkeiten stärken.

Viele Lehrer hätten sich anfangs quergestellt, sagte Marjo Kyllönen dem 'Independent'. "Aber Lehrer, die diesen neuen Ansatz angenommen haben, sagen, dass sie es nicht mehr anders haben wollen." Bis heute habe man nach Aussage von Helsinkis Entwicklungsminister Pasi Silander bereits 70 Prozent der Oberschul-Lehrer für den neuen Ansatz ausgebildet. Erste Erhebungen zeigten, dass sich die Resultate der Schüler durch das neue themenbasierte Lernen verbessert hätten.

Die Reformfreude macht auch an den Türen der Vorschulen nicht halt. Das Projekt 'Playful Learning Centre' will Kindern einen neuen spielerischen Zugang zum Lernen vermitteln. Dazu sei man in Gesprächen mit Herstellern von Computerspielen. "In Bezug auf spielerisches Lernen von Kindern möchten wir Finnland gerne zur führenden Nation machen", sagt Olavi Mentanen, Leiter des PLC-Prejekts.

Nicht zuletzt, weil Finnland schon seit Jahren auf Platz eins der Pisa-Studie steht, haben andere Länder bereits ihr Interesse an dem neuen Modell angemeldet. Der britische Politiker Tristram Hunt von der sozialdemokratischen Labour Partei etwa plädiert für ein solches Schulsystem, das Charakter, Ausdauer und Kommunikationsfähigkeiten fördere, statt Kinder durch eine "Klausur-Fabrik zu jagen".