Leipzigs Großangriff auf die Bayern hat längst begonnen

Bringen die Stimmung: Fans in der Red Bull Arena.
© dpa, Jan Woitas

25. September 2014 - 11:34 Uhr

Sie sind angetreten, um die Großen das Fürchten zu lehren: RasenBallsport Leipzig e.V., gegründet 2009, jetzt Aufsteiger in die 2. Bundesliga. Nach einem Jahr Oberliga und drei zähen Jahren Regionalliga hat der von Getränke-Milliardär Dietrich Mateschitz finanzierte Verein aus Ostdeutschland mit dem Unterhaus des gutbezahlten Fußballs die nächste Zwischenstation auf dem Weg zum Fußball-Thron erreicht.

"RB ist sicher auf dem Weg in die 1. Liga nicht aufzuhalten", sagte Peter Pacult zuletzt in der 'Bild'. Der Österreicher hatte Leipzig zwischen 2011 und 2012 als Trainer betreut und wurde nach dem nicht-geschafften Aufstieg in die 3. Liga vom aktuellen Coach Alexander Zorniger abgelöst. Zorniger erledigte dann in Zusammenarbeit mit dem neuen Sportdirektor Ralf Rangnick das, was dem RB-Selbstverständnis entspricht: Er marschierte mit seinem Team ohne unnötige Unterbrechung in die 2. Liga durch.

Doch der Club macht nicht nur durch seine sportliche Erfolgsgeschichte auf sich aufmerksam. Vielmehr hat die durch Red-Bull-Millionen begünstigte 'Interessengemeinschaft Fußball' durch fragwürdiges Geschäftsgebaren Duftmarken gesetzt, die dem einen oder anderen gehörig stinken. Jüngste Steine des Anstoßes: Massimo Bruno und Marcel Sabitzer. Der Belgier Bruno wurde für fünf Millionen Euro plus Bonuszahlungen mit einem Vertrag bis 2019 ausgestattet und direkt weiterverliehen an Leipzigs Partner-Club RB Salzburg, bei dem Rangnick ebenfalls als Sportdirektor fungiert. Erst waren neun Millionen Euro kolportiert worden, was Bruno zum teuersten Transfer der Zweitliga-Geschichte gemacht hätte. Doch vor allem der Fall Sabitzer erhitzt die Gemüter: Der österreichische Stürmer wurde für zwei Millionen Euro von Rapid Wien zu den Leipziger Bullen geholt und direkt weiterverliehen an die Salzburger Bullenfraktion. Dadurch konnte eine Ausstiegsklausel aktiviert werden, die nur im Falle eines Wechsels ins Ausland greift.

"Das ist juristisch legitim, aber moralisch fragwürdig, denn das ist ein Umgehungstatbestand", tat BVB-Boss Hans-Joachim Watzke zuletzt in der 'Sport Bild' seinen Unmut kund. Was nicht weiter überrascht – schließlich waren es allen voran die Verantwortlichen von Borussia Dortmund, die das sportliche respektive wirtschaftliche Treiben von 1899 Hoffenheim stets mit Argusaugen beobachtet und entsprechend kommentiert haben. Bei den Hoffenheimern, deren Erfolgs-Architekt zufälligerweise kein Geringerer als Rangnick war, der mit 1899 den Durchmarsch in die Bundesliga schaffte, waren es die SAP-Millionen von Mäzen Dietmar Hopp, der den Borussen stellvertretend für viele sogenannte Traditionsvereine ein Dorn im Auge war. So hält der Club aus dem Kraichgau zum Beispiel immer noch den Transfer-Rekord der 2. Liga (Carlos Eduardo / sieben Mio.).

"Geld wird immer regieren"

Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz
Bringt die Millionen: Dietrich Mateschitz.
© dpa, Jan Woitas

"Das hat Hoffenheim schon vor Jahren praktiziert. Ich sehe keinen Unterschied, ob ein Konzernchef oder eine Privatperson, wie Mateschitz bei RB, die Millionen zur Verfügung stellt", sieht Pacult im Falle RB Leipzig ein verwandtes Problem. "Geld wird immer regieren. Ob das in Paris oder bei Real Madrid ist." Oder eben in Hoffenheim, Leipzig oder der neugegründeten Indian Soccer League.

So verhalten sich die Roten Bullen derzeit auf dem Transfermarkt auch wie ein aufstrebender Global Player. Marvin Compper soll vom AC Florenz in die größte Stadt Sachsens wechseln. Der 29-jährige Innenverteidiger hat beim Club von Mario Gomez noch Vertrag bis 2015. In Leipzig soll er bis 2017 unterschreiben. Comppers Marktwert wird auf zwei Millionen Euro taxiert, was bei manchen Zweitligisten schon gefühlt den halben Jahresetat ausmacht.

Während Leipzig also seine Erstligatauglichkeit auf dem Transfermarkt schon eindrucksvoll unter Beweis stellt, muss das sportliche Reifezeugnis erst noch ausgestellt werden. Das 4:2 im Test gegen Paris St. Germain macht zwar Lust auf mehr, doch der französische Meister war gerade mal mit einer B-Elf angetreten, bei der Zlatan Ibrahimovic erstmals nach seinem Urlaub 45 Minuten auf dem Platz stand.

In der 2. Liga hingegen wird ein anderer Wind wehen. Dort geht es gegen Braunschweig, Kaiserslautern, Düsseldorf etc. ums Überleben – und vor allem gegen Vereine, die mit dem Ligaalltag vertrauter zu sein scheinen als 'Zornigers Eleven'. "Ich bin meilenweit davon entfernt, ein Zweitligaexperte zu sein. Ich weiß gar nicht genau, was auf uns zukommen wird. Wir werden vielleicht mal gegen Kaiserslautern ein 0:4 einstecken müssen, aber wir wollen nicht, dass die Leute am Ende des Spiels sagen: Das Beste waren die Wurst und das Bier", gab sich Zorniger im Interview mit 'Spox' als Meister des geistreichen Understatements zu erkennen.

Ein weiterer Durchmarsch in die Bundesliga ist dadurch allerdings nicht unwahrscheinlicher – und Anreize gibt es zuhauf: Als 'Retortenclub' endlich den Großen der Eliteliga das Fürchten zu lehren. Hoffenheim, das man gedanklich einst in Champions-League-Sphären hochgehandelt hatte, kam über die Grenzen des gesicherten Mittelfeldes bislang nicht hinaus.

Bei Leipzig könnte dies ganz anders aussehen – schließlich scheint im Bullen-Imperium alles möglich. "Irgendwann wird es so sein", sieht Mateschitz sich und seine Spielgefährten schon mit der Meisterschale in der Hand. "Wenn wir das nicht irgendwann einmal wollten, sollten wir den Fußball besser an den Nagel hängen", so der 70-Jährige. Der Großangriff auf die Bayern, Dortmund, Schalke & Co. hat also längst begonnen.